Das Musée de l’Orangerie steht im Jardin des Tuileries, und unter seinem Dach sind zwei Sammlungen vereint. Die erste bilden die Seerosen, die Claude Monet dem Staat schenkte, zusammen mit den Sälen, die nach seinen Vorgaben gebaut wurden. Die zweite trug der Pariser Kunsthändler Paul Guillaume zusammen, und nach seinem Tod 1934 verkleinerte seine Witwe Domenica sie und ordnete sie neu. Sie verkaufte die kühnsten seiner Erwerbungen und begann ab 1937 selbst zu kaufen. In zweiter Ehe heiratete sie den Architekten Jean Walter, und die Sammlung trägt die Namen ihrer beiden Ehemänner.
In den 1960er-Jahren, als man im Gebäude Platz für die Sammlung Jean Walter und Paul Guillaume schuf, setzte man auf Monets ovale Säle ein zusätzliches Stockwerk. Die neue Decke schloss das Tageslicht von oben aus, auf dem Monet bestanden hatte, und zurück kam dieses Licht erst mit dem Umbau von 2000–2006, als man das Aufbaugeschoss abtrug und die Sammlung Walter-Guillaume in neue Räume verlegte.
1. Die Seerosen — Claude Monet
Am 12. November 1918, einen Tag nach dem Waffenstillstand, schrieb Claude Monet an Georges Clemenceau, den Regierungschef und seinen alten Freund, er stelle gerade zwei dekorative Tafeln fertig, wolle sie am Tag des Sieges signieren und durch ihn dem Staat übergeben. Clemenceau überredete ihn, mehr zu geben. In einer Vereinbarung von 1920 war schon von 12 Tafeln die Rede, und für sie sollte im Garten des Hôtel Biron, eines Pariser Stadtpalais, ein runder Pavillon nach einem Entwurf des Architekten Louis Bonnier entstehen. Der Pavillon wurde nie gebaut. Am 31. Oktober 1921 willigte Monet in die Orangerie ein, und der Architekt Camille Lefèvre baute dort nach seinen Anweisungen zwei ovale Säle, in die das Tageslicht durch ein Glasdach fällt.
Monet wollte, wie er selbst schrieb, „die Illusion eines endlosen Ganzen, einer Welle ohne Horizont und ohne Ufer“. Acht Kompositionen folgen an den gekrümmten Wänden der beiden Ovale aufeinander, zusammen fast 100 Meter Malerei. Im Sonnenuntergang steigt aus der dunklen Masse des Schilfs in der linken unteren Ecke ein gelboranger Streifen gespiegelten Sonnenlichts das Wasser hinauf, weiter rechts verdichtet sich das Wasser zu Blauviolett und Rotbraun, und die Seerosenblätter sind mit türkisgrünen Pinselstrichen angedeutet. In einer der Morgenkompositionen mit Weiden schneiden der obere und der untere Rand der Leinwand die Stämme ab, und über dem Wasser hängen von oben nur grüne Strähnen der Zweige.
Monet arbeitete bis zu seinem Tod an den Tafeln. Im Januar 1925 schrieb er Clemenceau, aus der Schenkung werde nichts, und Clemenceau antwortete, Monet habe nicht das Recht, sein Wort zu brechen. Der Maler starb im Dezember 1926, und die Säle wurden ohne ihn eröffnet, am 17. Mai 1927, in Anwesenheit Clemenceaus. Die am 12. April 1922 unterzeichnete Schenkungsurkunde versprach dem Staat 19 Tafeln, aufgehängt wurden 22.
2. Paul Guillaume, Novo Pilota — Amedeo Modigliani

Als Amedeo Modigliani dieses Porträt malte, war Paul Guillaume 23 Jahre alt, handelte bereits mit afrikanischen Skulpturen und stellte die Kubisten aus. Mit dem Maler hatte ihn ein Jahr zuvor der Dichter Max Jacob bekannt gemacht, und ab 1915 war Guillaume, wie das Museum vorsichtig schreibt, wahrscheinlich schon sein Händler. Er mietete für den Maler ein Atelier auf dem Montmartre, und später gingen etwa 100 Gemälde und 50 Zeichnungen Modiglianis durch Guillaumes Hände. Insgesamt malte Modigliani 1915–1916 vier Porträts von Guillaume, und Novo Pilota ist das erste davon.
Modigliani malte auf Karton, im Haus seiner Freundin, der englischen Dichterin Beatrice Hastings, in der Rue Norvins. Guillaume sitzt vor rotem Grund, in schwarzem Filzhut, dunklem Anzug und weißem Hemd mit hohem Kragen, und hält eine Zigarette vor der Brust. Sein Gesicht gleicht einer blassen Maske mit langer gerader Nase und kurzem Schnurrbart, das Kinn ist gehoben, und die Augen unter schweren Lidern blicken an der Nase entlang nach unten.
Modigliani schrieb Wörter direkt mit Farbe auf den Karton: links oben den Namen „PAUL GUILLAUME“, rechts oben einen Davidstern und „Stella Maris“, links unten in türkisgrünen Buchstaben mit Schnörkel „NOVO PILOTA“, rechts unten Signatur und Jahreszahl. Auf Italienisch bedeutet novo pilota „neuer Steuermann“, und Stella Maris, „Meeresstern“, ist der lateinische Name der Muttergottes als Schutzherrin der Seeleute. Dem Museum zufolge stellte Modigliani den jungen Händler als Wegweiser und Beschützer der modernen Malerei dar. Guillaumes andere Hand, unten rechts, hat Modigliani nur angedeutet.
3. Harlekin und Pierrot — André Derain

Harlekin und Pierrot stehen in ganzer Figur auf einer kahlen, rötlichen Ebene unter blauem Himmel, und jeder hat ein Knie gehoben, als wären beide mitten im Tanz erstarrt. Harlekin, mit quer aufgesetztem Dreispitz und in einem Kostüm aus roten, grünen, gelben und blauen Rauten, spielt eine kleine Mandoline und blickt geradeaus. Pierrot, in weitem weißem Kittel mit Halskrause und schwarzem Käppchen, hält eine Gitarre mit dem Hals nach oben und hat die Augen gesenkt, und sein Gesicht ist ebenso ernst wie das Harlekins. In der rechten unteren Ecke liegen auf dem Boden eine Geige mit Bogen, ein dunkler Krug und ein zerknülltes weißes Tuch, und das Museum hebt hervor, wie sorgfältig Derain dieses kleine Stillleben ausgeführt hat.
Guillaume hatte das Bild in Auftrag gegeben, ab 1925 gehörte es ihm, und es wurde an der Wand seiner Wohnung in der Avenue de Messine fotografiert. Noch einmal erscheinen Harlekin und Pierrot, kaum angedeutet, im Hintergrund des Porträts von Guillaumes Frau, das Derain 1928–1929 malte (es steht in dieser Liste unter Nummer 11). Das Museum erkennt in Pierrots Gesicht Guillaume selbst. In einem anderen Eintrag teilt das Museum mit, für beide Figuren habe der katalanische Maler Jacinto Salvadó Modell gestanden, der für Derain arbeitete und später im Harlekinkostüm auch für Picasso posierte.
4. Der Wagen von Vater Junier — Henri Rousseau
Henri Rousseau nannte man den Zöllner, weil er viele Jahre an einer Pariser Zollschranke gedient hatte, an der Abgaben auf die in die Stadt eingeführten Waren erhoben wurden. 1908 war er längst im Ruhestand, lebte in Armut und hatte Schulden bei dem Gemüsehändler Claude Junier, dessen Frau für Rousseau kochte. Junier hatte gerade ein Pferd gekauft und war stolz darauf, und Rousseau beglich die Schuld mit einem Bild, auf dem die Familie des Gemüsehändlers in ihrem Wagen ausfährt. Bis 1914 ging das Bild von Junier an den Händler Paul Rosenberg über, 1918 war es bei Villard, und erst 1927, 17 Jahre nach Rousseaus Tod, kaufte es Guillaume.
Rousseau malte nach einer Fotografie und änderte dabei, wie das Museum anmerkt, einiges: Er ließ einen Baum am Boulevard weg, stellte die Hunde um und veränderte ihre Größe. Wagen und Pferd sind seitlich gedreht, parallel zum Bildrand. Die eng gespeichten Räder sind leuchtend orange, dieselbe Farbe kehrt in den Deichselstangen und im Geschirr wieder, und die Apfelschimmelstute berührt die Straße kaum mit den Hufen, sodass das Museum sie als „auf Zehenspitzen“ stehend beschreibt. Alle Insassen außer dem weißhaarigen Junier mit den Zügeln blicken den Betrachter direkt an. Einer Überlieferung zufolge ist der Mann mit dem Strohhut rechts Rousseau selbst, und die Stute hieß Rose.
Hunde gibt es auf dem Bild drei, und jeder hat einen anderen Maßstab. Ein großer schwarzer steht unter dem Wagen zwischen den Rädern, einen kleinen hält eine junge Frau hinten auf dem Arm, und ein ganz winziger läuft weit voraus auf der Straße. Der amerikanische Maler Max Weber, der damals mit Rousseau befreundet war, fragte, warum der schwarze Hund so groß sei, und Rousseau antwortete, seine Leinwand habe es so verlangt.

5. Die Hochzeit — Henri Rousseau

Acht Menschen haben sich auf einer Wiese dicht zusammengestellt wie vor einem Fotografen, und alle blicken den Betrachter an. Die fünf Köpfe der hinteren Reihe sitzen vor dem Laub übereinander, wie aus Papier ausgeschnitten. Vorn links sitzt ein weißhaariger alter Mann in blauem Kittel auf einem abgesägten Baumstumpf und stützt sich auf einen Stock, rechts hat eine alte Frau mit weißer Haube die Hände auf die Knie gelegt, und zwischen ihnen ist die Braut in einem weißen Kleid, das bis zum Boden reicht. Ihre Füße sind im Gras nicht zu sehen, und das Museum schreibt, sie scheine in der Luft zu schweben. Der lange Schleier der Braut fällt auf den Rock der alten Frau, und im Vordergrund sitzt ein zotteliger schwarzer Hund, zu groß für seinen Platz, und sieht den Betrachter aus rotbraunen Augen an.
Guillaume kaufte die Hochzeit 1929 von dem Maler Serge Férat, einem Freund des Dichters Apollinaire und einem der ersten Sammler Rousseaus. Das Museum nennt Rousseau einen „Meister räumlicher Paradoxe“ und hält es für Absicht, dass er die Braut über den Boden gehoben hat.
2025, vor einer Rousseau-Ausstellung, die 2026 eröffnet wurde, untersuchte das Labor C2RMF, das Forschungszentrum der französischen Museen, das Bild mit Röntgen- und Infrarotstrahlung, und das Nachrichtenportal franceinfo berichtete über die Ergebnisse. Seinem Bericht zufolge fügte Rousseau die vier Figuren im Hintergrund erst später hinzu, das Kleid der Braut war zunächst länger, den Schleier malte er um, und den Hund setzte er nachträglich ein. Die Augen des Hundes verdecken möglicherweise die Stelle, an der früher die Füße der Braut waren. Unter dem Schleier kamen bei der alten Frau drei Hände zum Vorschein.
6. Der kleine Konditor — Chaïm Soutine

Im Winter 1922–1923 sah der amerikanische Sammler Albert Barnes in Paris bei Paul Guillaume das Porträt eines jungen Konditors von Chaïm Soutine. Soutine war damals arm und nur auf dem Montparnasse bekannt. 1923 beschrieb Guillaume jenes Bild in der Zeitschrift Les Arts à Paris, erinnerte an den Konditor „mit einem riesigen und prächtigen Ohr“ und schrieb, durch Barnes’ Begeisterung für diese Leinwand sei Soutine an einem einzigen Tag ein bekannter Maler geworden. Barnes kaufte etwa 50 Bilder von Soutine, die meisten aus den Beständen des Händlers Léopold Zborowski, mit dem der Maler damals zusammenarbeitete, und etwa 16 über Guillaume. Das Museum schreibt, Guillaume habe allem Anschein nach den Konditor beschrieben, der sich heute in der Barnes Foundation in Philadelphia befindet.
Der Konditor der Orangerie ist ein anderer. Soutine malte ihn 1922–1923, und insgesamt kennt das Museum sechs Fassungen dieses Motivs. Der junge Mann sitzt dem Betrachter zugewandt, in einer zerknitterten weißen Kochmütze, die in den Nacken geschoben ist, und in einer zweireihigen Jacke, die sich fast von einem Rand der Leinwand bis zum anderen in die Breite zieht. Sein Hals ist dünn, der Kopf wirkt für diesen Körper klein, die Ohren stehen ab, und das vom Betrachter aus rechte ist größer und röter als das linke. Die Hände ruhen gefaltet unten im Schoß, und darunter liegt ein leuchtend rotes Tuch, der leuchtendste Fleck im Bild.
Guillaume kaufte diese Leinwand Anfang der 1930er-Jahre, nachdem sie Zborowski und danach dem Händler Jos Hessel gehört hatte, und tat es, wie das Museum schreibt, „zur Erinnerung an den ersten Konditor, den er so sehr geliebt hatte“.
7. Großer Akt mit Draperie — Pablo Picasso
Anfang der 1920er-Jahre malte Picasso massige Frauen in klassischen Posen, und das Museum, das dieses Bild auf 1921–1923 datiert, zählt seine Quellen auf. Es sind die Antike, Raffaels Fornarina, die ein Tuch an die Brust drückt, Ingres und Renoir, dessen Badende Picasso in seiner eigenen Sammlung besaß.
Die Frau sitzt und füllt die Leinwand fast ganz aus: Der Scheitel stößt beinahe an den oberen Rand, die Knie schneidet der untere ab. Der Kopf ist gesenkt, die Augen sind geschlossen, langes welliges kastanienbraunes Haar fällt über den Rücken. Mit der linken Hand drückt sie ein weißes Tuch an die rechte Schulter, und diese Hand ist breiter als ihr Gesicht, sodass das Museum sie in seinem Eintrag disproportioniert nennt. Mit der rechten Hand dreht die Frau dasselbe Tuch zwischen den Schenkeln zusammen. Der Hintergrund ist gleichmäßig grau, und in den unteren Falten ist das Weiß so dünn aufgetragen, dass eine bräunlich graue Untermalung durchscheint. Das Bild hat noch einen zweiten Titel, Frau bei der Toilette.
Guillaume kaufte das Bild 1927 und zeigte es zwei Jahre später in einer Ausstellung seiner Sammlung. Nach seinem Tod trennte sich Domenica, wie das Museum schreibt, von den kühnsten Werken jener Zeit, dieses Bild aber behielt sie. 1936–1937 lieh sie den Großen Akt für eine Picasso-Ausstellung in New York aus.
8. Odaliske mit roter Hose — Henri Matisse
1927 verglich ein Kritiker die Odalisken, die Matisse in Nizza malte, mit dem „Schaufenster eines Tapetenhändlers“. Diese Odaliske kaufte Guillaume selbst, und 1929 hing sie in der Ausstellung seiner Sammlung in der Galerie Bernheim-Jeune. Nach seinem Tod behielt die Witwe dem Museum zufolge von den Bildern des Malers fast nur jene, die er zwischen 1917 und 1929 in Nizza gemalt hatte.
Matisse malte sie 1924–1925 in Nizza. Die Frau liegt auf einer Liege, die diagonal von der linken oberen in die rechte untere Ecke verläuft, der Kopf ruht auf einer türkisfarbenen Nackenrolle und einem karmesinroten Kissen, der rechte Arm ist zur Schläfe gehoben. Sie trägt eine weiße Tunika, Perlenketten und Armreifen, und die rote Pluderhose ist an den Waden mit goldbestickten Bändern gerafft. Hinter ihr hängt ein Stoff in sattem Kobaltblau mit rosa Rosen und großen gelbockerfarbenen Mustern, rechts stehen zwei hohe Paneele mit karmesinroten Blumen auf blassem Mintgrund. Das Gesicht deutete Matisse mit wenigen Strichen an, die Stoffe ringsum malte er dichter als die Figur. Das kleine runde Tischchen mit einer Blumenvase vor dem blauen Stoff nennt das Museum unverhältnismäßig groß und sieht darin das einzige Zeichen von Tiefe in diesem Raum.

9. Das Haus Bernot — Maurice Utrillo
Unter den Passanten in dieser Straße auf dem Montmartre steht ein Mann mit dem Rücken zum Betrachter vor einer kleinen Staffelei mit einer Leinwand. Er ist grauhaarig, trägt eine Melone und einen graugrünen Mantel und hält in der linken Hand Pinsel und eine dick mit Farbe verschmierte Palette. Ganz in der Nähe gehen, ebenfalls mit dem Rücken zum Betrachter, etwa sechs Frauen in Strickjacken und schweren dunklen Stiefeln die Straße entlang, und ihre Röcke, türkis, schwarz und oliv, sind glockenförmig aufgebauscht, sodass die Figuren wie Puppen aussehen.
Die gepflasterte Rue du Mont-Cenis führt bergab. Links steht ein Laden mit weißem Schild, das in roten Großbuchstaben die Aufschrift „BERNOT“ trägt, und neben der Tür hängt ein blaues Straßenschild. Dem Museum zufolge wurde in diesem Laden Kohle verkauft. Rechts ragt ein gusseiserner Laternenpfahl auf, eine Mauer mit abblätterndem Putz zieht sich die Straße entlang, und in der rechten oberen Ecke schimmert weiß, vom Bildrand angeschnitten, der Glockenturm der Basilika Sacré-Cœur. Utrillo umrandete Fenster, Dächer und Laterne mit dicken schwarzen Linien.
Utrillo war auf dem Montmartre aufgewachsen, lebte 1924 jedoch weit von Paris entfernt, im Département Ain im Osten Frankreichs, und malte die Straße, wie das Museum schreibt, höchstwahrscheinlich nach einer Postkarte. Das Bild gehörte Guillaume und blieb nach seinem Tod bei Domenica. In der rechten unteren Ecke signierte Utrillo mit „Maurice, Utrillo, V,“ und setzte das Datum dazu, Februar 1924. Das V steht für den Familiennamen seiner Mutter, der Malerin Suzanne Valadon.

10. Junge Mädchen am Klavier — Pierre-Auguste Renoir

1892 kaufte der französische Staat von Renoir die Jungen Mädchen am Klavier für das Musée du Luxembourg, in dem lebende Künstler ausgestellt wurden, und es war sein erstes Bild in einer staatlichen Sammlung. Jenes Bild befindet sich heute im Musée d’Orsay. Renoir malte diese Komposition mehrmals, die Leinwand in der Orangerie ist freier gemalt, und das Musée d’Orsay nennt sie eine Ölskizze. Die Orangerie selbst verwendet das Wort „Skizze“ nicht und schreibt, es gebe noch mindestens sechs weitere Fassungen.
Ein blondes Mädchen sitzt in strengem Profil am Klavier. Das Haar fällt offen über den Rücken und ist am Scheitel mit einer rosa Schleife zusammengefasst, sie trägt ein weißgraues, fein gepunktetes Kleid mit breiter hellblauer Schärpe, die hinten zu einer großen Schleife gebunden ist, und die Enden der Schärpe hängen über den Stuhl. Mit einer Hand spielt sie, die andere hat sie zum Rand der Noten gehoben. Ein dunkelhaariges Mädchen in lachsrosa Kleid stützt sich auf das Klavier, hat das Kinn in die Hand gelegt und blickt in die Noten. Die linke obere Ecke füllen rasche grüne, türkisfarbene, blaue und ockerfarbene Pinselstriche, in denen man einen Vorhang ebenso sehen kann wie Laub oder Tapete, und unten links schneidet der Bildrand einen zierlichen vergoldeten Stuhl ab. Das Museum schreibt, Renoir habe überflüssige Einzelheiten vermieden, um sich auf die beiden Figuren zu konzentrieren, und vermutet, das Bild sei in der Wohnung des Malers entstanden: 1890 hatte er seiner Frau zur Hochzeit ein Klavier geschenkt.
Renoir behielt diese Leinwand lange bei sich. Von 1914 bis 1917 gab er sie in der Pariser Galerie Durand-Ruel in Verwahrung, 1919 war das Bild beim Händler Ambroise Vollard, und ab 1928 gehörte es Guillaume. Domenica behielt es nach dem Tod ihres Mannes.
11. Porträt der Madame Paul Guillaume mit großem Hut — André Derain

Paul Guillaumes Frau hieß bei ihrer Geburt Juliette Lacaze, und den Namen Domenica gab ihr Guillaume selbst. 1928–1929 malte sie André Derain, ein ehemaliger Fauvist, der Ende der 1920er-Jahre zu Guillaumes wichtigstem Maler geworden war. Das Porträt gehörte Guillaume seit 1929, im selben Jahr zeigte er es in der Ausstellung seiner Sammlung, und zu Hause hängte er es an einen Ehrenplatz im Schlafzimmer ihres Stadtpalais in der Avenue Foch.
Domenica sitzt in einem Sessel, mit einem riesigen Strohhut, dessen Krempe breiter ist als ihre Schultern und hinter dem Kopf wie eine helle Scheibe liegt. Alles auf dem Bild ist in Beige-, Ocker- und Cremetönen gemalt, bis auf einen dunkelroten Vorhang links oben. Die Schultern bedeckt ein cremefarbener Satinumhang mit langen weißen Fransen, die Hände sind im Schoß gekreuzt. Ihre Augen sind groß und hellblau, und Derain hat, wie das Museum anmerkt, weiße Glanzlichter in die Pupillen gesetzt, um den Blick zu beleben. Die Perlenohrringe nehmen dieses Weiß wieder auf.
Rechts oben sind dem Museum zufolge Pierrot und Harlekin kaum angedeutet, und das Museum fragt selbst, ob es sich um das große Bild handelt, das Guillaume in Auftrag gab, oder um eine der beiden Skizzen dazu, die das Ehepaar ebenfalls zu Hause hatte. Nach Guillaumes Tod 1934 ging die Sammlung an Domenica über. Das Porträt behielt sie, 1950 lieh sie es für die Ausstellung Hundert Frauenporträts in der Pariser Galerie Charpentier aus, und 1959 verkaufte sie es zusammen mit der Sammlung an den Staat. Eine 1996 erschienene Biografie Domenicas heißt Die Dame mit dem großen Hut.

12. Yvonne und Christine Lerolle am Klavier — Pierre-Auguste Renoir
Domenica kaufte dieses Bild am 10. Juni 1937 und trug sich in die Unterlagen als „Madame Paul Guillaume“ ein, obwohl ihr Mann schon seit drei Jahren tot war. Bevor es zu ihr kam, war das Bild durch Galerien in Paris, New York und der Schweiz gegangen.
Um 1897 malte Renoir Yvonne und Christine, die Töchter des Malers und Sammlers Henry Lerolle, am Klavier. Das Motiv ist dasselbe wie bei den Jungen Mädchen am Klavier, nur haben die Mädchen hier Namen, und an der Wand hängen Bilder aus der Sammlung ihres Vaters. Die eine Schwester, in weißem Kleid mit hohem Kragen, sitzt am schwarzen Klavier und spielt. Die andere, in rotorangem Kleid mit einem schwarzen Samtband am Hals, steht hinter ihr, das Gesicht dem Betrachter zugewandt, und streckt die Hand nach den Noten aus. Links oben hängt in vergoldetem Rahmen ein Bild von Edgar Degas mit Rennpferden und Jockeys, rechts oben seine Tänzerinnen in rosa Tutus, deren Köpfe der obere Bildrand abschneidet. Das Museum nennt diese Bilder Vor dem Rennen und Tänzerinnen unter einem Baum. Das zweite befindet sich heute im Norton Simon Museum in Pasadena.
Beide Schwestern heirateten später Söhne des Sammlers Henri Rouart, eines alten Freundes von Degas: Yvonne heiratete Eugène, Christine heiratete Louis.

13. Äpfel und Kekse — Paul Cézanne
Die amerikanische Zeitschrift TIME berichtete über den Verkauf dieses Stilllebens in einem Artikel mit der Überschrift „Für den Louvre verloren“. Am 14. Mai 1952 wurde in der Pariser Galerie Charpentier die Sammlung von Gabriel Cognacq, dem Erben des Kaufhauses Samaritaine, versteigert, und Äpfel und Kekse wurde für 33 Millionen Francs zugeschlagen. Nach Angaben der Zeitschrift war auf einer Auktion noch nie mehr für einen Cézanne bezahlt worden. Der Louvre besaß ein Vorkaufsrecht, konnte das Bild also zum selben Preis an sich ziehen, machte davon aber keinen Gebrauch. Im Versteigerungsprotokoll ist als Käuferin Madame Jean Walter eingetragen, während TIME den Käufer einen „französischen Millionär, Besitzer von Bleibergwerken“ nannte und damit ihren Mann meinte. Dem Museum zufolge wurde die Öffentlichkeit durch einen Kauf zu diesem Preis auf Domenicas Sammlung aufmerksam.
Auf dem langen hölzernen Deckel einer Truhe liegen in lockerer Reihe 14 Äpfel, gelbe, rote und orangefarbene, und dahinter ist eine bläulich grüne Wand mit einem Muster aus grauweißen Zweiglein. Die Kekse aus dem Titel haben gerade noch auf die Leinwand gepasst. Ganz rechts steht ein weißer Teller mit blauem Rand, von dem nur etwa ein Drittel ins Bild geraten ist, und darauf liegen einige flache rosa und cremefarbene Kekse. Der Teller ist gekippt, als sähe man ihn von oben, von einem höheren Punkt aus als die Äpfel. Im Geschäftsbuch des Händlers Ambroise Vollard, eines der ersten Besitzer, ist das Bild mit einem Preis von 150 Francs verzeichnet.
14. Landschaft — Paul Gauguin zugeschrieben

Das Museum führt diese Landschaft unter Gauguin mit dem Vorbehalt „zugeschrieben“, während in der rechten unteren Ecke Signatur und Datum stehen, „P. Gauguin 1901“. Früher hieß das Bild Der Pfarrer und die Kinder. Fast die ganze Leinwand nimmt Grün ein: ein hoher schlanker Baum mit flacher, stufenförmiger Krone, zwei runde Bäume in giftigem Gelb, Palmen und Bananenblätter rechts oben, und der Himmel bleibt als schmaler Streifen am oberen Rand. Mitten auf einer gelbgrünen Wiese ist mit wenigen Strichen eine kleine dunkle Gestalt in langem schwarzem Gewand angedeutet, und neben ihr andere, noch kleinere. Das Museum sieht darin einen Missionar, dem drei Kinder folgen, und schreibt, die winzigen Figuren verlören sich gleichsam im Pflanzenwuchs.
Mit dem Vorbehalt „wahrscheinlich“ verortet das Museum die Landschaft auf der Insel Hiva Oa auf den Marquesas und datiert sie in die ersten Monate, nachdem Gauguin im September 1901 von Tahiti dorthin gezogen war. Es ist das einzige Bild Gauguins in der Sammlung, und gekauft hat es Domenica, doch wann und von wem, sagt das Museum nicht. Zu den früheren Besitzern gehörten der Wiener Sammler H. Böhler, die Amsterdamer Galerie Huinck & Scherjon und der Hollywood-Regisseur Josef von Sternberg, der Der blaue Engel drehte.
15. Argenteuil — Claude Monet
Die amerikanische Malerin Romaine Brooks hatte dieses Bild etwa ab 1921 bei sich in Nizza, und um 1955 kaufte es Domenica. Es ist der einzige Monet in der Sammlung Jean Walter und Paul Guillaume.
Monet ließ sich im Dezember 1871 in Argenteuil nieder, einem Städtchen an der Seine bei Paris, und 1875 malte er den dortigen Liegeplatz der Segelboote. In der Mitte liegen zwei Boote mit zinnoberroten Rümpfen vor Anker, und ihr rotes Spiegelbild läuft in gebrochenen Pinselstrichen im Wasser nach unten. Quer über das ganze Bild steht eine Reihe dünner blassgelber Masten, und die höchsten berühren fast den oberen Rand. Das Museum merkt an, dass die Fluchtlinien von den Booten nach rechts und nach links auseinanderlaufen. Das Wasser im Vordergrund ist mit gelbgrünen und olivfarbenen Strichen bedeckt, in denen das Museum auf der Seine treibende Pflanzen sieht, und der untere Streifen des Bildes ist fast ganz grün.
1959 verkaufte Domenica die Sammlung an den Staat. Als man für die Sammlung auf die Orangerie ein Stockwerk setzte, verloren die Seerosen ihr Licht von oben. Abgetragen wurde das Aufbaugeschoss erst beim Umbau von 2000–2006.

Was man außerdem sehen sollte
In der Sammlung befinden sich 22 Bilder von Chaïm Soutine und 15 von Cézanne, darunter das Porträt von Madame Cézanne, und von Modigliani lohnen neben Novo Pilota auch Antonia und Der junge Lehrling einen Blick. Guillaume selbst ist noch auf einem weiteren Porträt zu sehen, von Kees van Dongen. Picassos Große Badende entstand 1921–1922, in denselben Jahren wie der Große Akt mit Draperie.








































