Im Dezember 1936 bot Andrew Mellon, Bankier aus Pittsburgh und von 1921 bis 1932 Finanzminister der Vereinigten Staaten, Präsident Franklin Roosevelt in Briefen an, seine Sammlung von Gemälden und Skulpturen dem Land zu schenken, in Washington ein Gebäude dafür zu errichten und Geld für die Gehälter des Personals zu hinterlassen. Er stellte die Bedingung, dass das Gebäude „National Art Gallery“ heißen und nicht seinen Namen tragen sollte, und für alles, was dort gezeigt werden würde, legte er Regeln fest, die einen „hohen Qualitätsstandard“ sichern sollten. Der Kongress nahm die Schenkung am 24. März 1937 an, an Mellons 82. Geburtstag.

Dumbarton Oaks, ein Forschungszentrum der Harvard University in Washington, erklärt den Verzicht auf den Namen damit, dass Mellon weitere Stifter für die Galerie gewinnen wollte. Nach ihm haben andere private Besitzer der Galerie Bilder geschenkt, vermacht und verkauft, jeweils zu ihren eigenen Bedingungen, vom Gründer einer Kette von Billigläden bis zu einer Londoner Wohltätigkeitsschule.

Wir beginnen mit einem Frauenbildnis, das Mellon 1926 kaufte, und enden mit einem Bild aus der Schenkung der Wideners, das die Galerie 2022 Vermeer abgesprochen hat.

Ein Finanzminister kauft Alte Meister, auch aus der Eremitage (1926–1931)

Bildnis einer Dame
Bildnis einer DameRogier van der Weyden, 1460, National Gallery of Art

1. „Bildnis einer Dame“ — Rogier van der Weyden, um 1460

Der Rand des durchsichtigen, gestärkten Schleiers verläuft bei dieser jungen Frau quer über die Stirn, knapp über den Brauen, und durch den dünnen Stoff sieht man Haut und Brauen. Der Schleier ist an einer niedrigen goldfarbenen Haube festgesteckt, die auf den Hinterkopf geschoben ist, und breitet sich zu beiden Seiten des Kopfes in zwei steifen, eckigen Flügeln bis auf die Schultern aus. Die Augen sind gesenkt und blicken nach unten, an uns vorbei, und die Finger liegen dicht am unteren Rand der Tafel ineinander verschränkt, sodass die unteren Finger vom Rahmen abgeschnitten sind. Der Hintergrund ist dunkelblau, das Kleid schwarz, und die einzige leuchtende Farbe im Bildnis ist der rote Gürtel unter der Brust mit seiner durchbrochenen goldenen Schnalle.

Rogier starb 1464, und dies ist eines seiner letzten Bildnisse. Der Name der Dame ist nicht überliefert. Die National Gallery in London besitzt eine Fassung derselben Komposition aus Rogiers Werkstatt, und das Londoner Museum schreibt selbst, die Washingtoner Tafel sei dem Meister „sicher zugeschrieben“ und „von deutlich höherer Qualität“.

Bildnis einer Dame
Bildnis einer DameRogier van der Weyden, 1460, National Gallery of Art
Bildnis einer Dame
Bildnis einer DameWerkstatt des Rogier van der Weyden, 1460, National Gallery

Das Bildnis hing wahrscheinlich im Gotischen Haus in Wörlitz, bei den Fürsten und späteren Herzögen von Anhalt-Dessau (dieses „wahrscheinlich“ steht in der Provenienz der Galerie selbst). Der letzte Besitzer, den die Galerie nennt, Herzog Friedrich II. von Anhalt, starb am 21. April 1918, und wer das Bild nach seinem Tod verkaufte, gibt die Galerie nicht an. 1925 ging das Bild der anhaltischen Herzöge an einen Händler in Den Haag, die Galerie Bachstitz, und von dort an die Firma von Joseph Duveen in London und New York.

Im Dezember 1926 kaufte Mellon das Bild bei Duveen. Mit dem Sammeln begann er nach Angaben der Galerie Ende der 1910er Jahre, nach dem Vorbild seines Freundes, des Sammlers Henry Clay Frick, und er kaufte bei zwei Händlern, die er noch aus Pittsburgh kannte, bei Duveen und bei Charles Carstairs von der New Yorker Firma Knoedler. Er erwarb vor allem holländische und englische Malerei, und ein altniederländisches Bildnis ist unter seinen Käufen eine Ausnahme. Den Gedanken an eine Nationalgalerie fasste er um 1928, ab 1931 überschrieb er die Bilder seiner wohltätigen Stiftung in Pittsburgh, und dieses Bildnis erhielt die Stiftung am 30. März 1932.

Philip, Lord Wharton
Philip, Lord WhartonAnthonis van Dyck, 1632, National Gallery of Art

Mellon starb im August 1937, kurz nachdem man begonnen hatte, die Baugrube für das Galeriegebäude auszuheben, und weniger als einen Tag nach ihm starb der Architekt des Gebäudes, John Russell Pope.

2. „Philip, Lord Wharton“ — Anthonis van Dyck, 1632

Philip, der vierte Baron Wharton, ist auf diesem Bildnis 19 Jahre alt, und so steht es auf der Leinwand selbst. Rechts unten ist in goldenen Buchstaben auf Englisch „Philip Lord Wharton 1632 about ye age of 19“ zu lesen, also Philip Lord Wharton, 1632, ungefähr 19 Jahre alt, und in der linken unteren Ecke steht in kleineren Buchstaben „P. Sr Ant: Vandike“, wo der Maler den Titel Sir trägt. Van Dyck kam im Frühjahr 1632 als Hofmaler Karls I. nach London und wurde am 5. Juli desselben Jahres zum Ritter geschlagen. Nach Angaben der Galerie war Wharton nach van Dycks Umzug der erste Engländer außer dem König, der bei ihm ein Bildnis bestellte.

Der junge Lord steht da, die rechte Hand in die Hüfte gestemmt, und der Ellbogen ragt bis an den Rand der Leinwand. Er trägt ein grauviolettes Seidenwams mit weißem Spitzenkragen, und die ganze untere Hälfte des Bildes bedeckt ein riesiger goldgelber Atlasmantel. An seinen linken Unterarm lehnt ein langer Hirtenstab mit einer gebogenen eisernen Schaufel am Ende, mit der Hirten Erdklumpen nach versprengten Schafen warfen, und rechts hängt in voller Höhe ein smaragdgrüner Seidenvorhang. Die Galerie nennt das Bildnis arkadisch, also pastoral, und Alexandre Benois schrieb 1910 in seinem Führer durch die Gemäldegalerie der Eremitage, es sei „bezeichnend, einen solchen Mann im Maskenkostüm zu sehen, als Schäfer, in Samt und Seide“. Wharton war der Sohn eines eifrigen Puritaners, und zehn Jahre nach diesem Bildnis, im Bürgerkrieg, stellte er sich auf die Seite des Parlaments gegen Karl I. und befehligte in der Schlacht von Edgehill ein Regiment.

Das Bildnis blieb bis 1725 in der Familie Wharton, dann kaufte es Sir Robert Walpole, der leitende Minister Großbritanniens, für seinen Landsitz Houghton Hall in Norfolk. 1779 verkaufte Walpoles Enkel George, der dritte Earl of Orford, die Bilder aus Houghton über den russischen Gesandten in London, Graf Alexei Mussin-Puschkin, an Katharina II. Aus der Eremitage kaufte Mellon das Bildnis nach dem Datum der Galerie im März 1930, und es war einer seiner ersten Käufe aus der Eremitage (der Historiker Robert Williams setzt ihn zwischen Juli und November 1930 an). Wie diese Verkäufe abliefen, erzählt das nächste Kapitel, über van Eyck.

In der Eremitage blieb aus derselben Sammlung von Houghton das Doppelbildnis von Whartons Töchtern Philadelphia und Elizabeth, das van Dyck Ende der 1630er Jahre malte.

Philip, Lord Wharton
Philip, Lord WhartonAnthonis van Dyck, 1632, National Gallery of Art
Verkündigung
VerkündigungJan van Eyck, 1435, National Gallery of Art

3. „Verkündigung“ — Jan van Eyck, um 1434–1436

Als die Anweisung kam, Jan van Eycks „Verkündigung“ zum Verkauf herauszugeben, versuchten Mitarbeiter der Eremitage, die Herausgabe aufzuhalten, mit dem Hinweis, in der Anweisung werde der Maler van Dyck genannt, und eine „Verkündigung“ van Dycks besitze das Museum nicht. Das Bild wurde trotzdem herausgegeben, und im Juni 1930 kaufte es Andrew Mellon.

Die sowjetische Regierung verkaufte Bilder aus der Eremitage über die Exportstelle „Antikwariat“ ins Ausland, um Devisen für die Industrieimporte des ersten Fünfjahresplans zu beschaffen. Mellon kaufte über drei Firmen zugleich, die Berliner Galerie Matthiesen, Colnaghi in London und Knoedler in New York, und übergeben wurden die Bilder in Berlin, weil die USA die Sowjetunion damals nicht anerkannten, wie Charles Henschel von Knoedler später vor Gericht erklärte. Von März 1930, wenn man von dem Datum ausgeht, das die Galerie für den ersten dieser Käufe angibt, bis April 1931 kaufte Mellon auf diesem Weg 21 Bilder und zahlte dafür nach der Berechnung des Historikers Robert Williams rund 6,65 Millionen Dollar.

Die Geschäfte wurden geheim gehalten, etwa ab 1932 druckten Zeitungen Gerüchte darüber, und Mellon stritt sie ab. Bestätigt hat die Käufe erst im Februar 1935 sein Anwalt Frank Hogan bei den Anhörungen in Mellons Steuerverfahren in Pittsburgh, und die „Verkündigung“ wurde dort mit 503.010 Dollar bewertet. Die Berufungskammer für Steuersachen entschied am 7. Dezember 1937, vier Monate nach Mellons Tod: Betrug stellte sie nicht fest und erkannte seine Stiftung als rechtmäßige Organisation an, bei drei der neun strittigen Geschäfte entschied sie jedoch gegen Mellon, und seinen Testamentsvollstreckern wurden rund 600.000 Dollar Steuern nachberechnet.

Anbetung der Heiligen Drei Könige
Anbetung der Heiligen Drei KönigeSandro Botticelli, 1482, National Gallery of Art
Ein polnischer Edelmann
Ein polnischer EdelmannRembrandt, 1637, National Gallery of Art
Venus mit dem Spiegel
Venus mit dem SpiegelTizian, 1555, National Gallery of Art

Das Bild ist hoch und schmal, die Figuren füllen nur seine untere Hälfte, und über ihnen erhebt sich eine dämmrige Kirche mit flacher Holzdecke. Die Worte des Erzengels Gabriel, AVE GRA PLENA, „Gegrüßet seist du, voll der Gnade“, laufen in goldenen Buchstaben von seinen Lippen aus, und Marias Antwort, ECCE ANCILLA DNI, „Siehe, ich bin die Magd des Herrn“, steht auf dem Kopf, damit man sie von oben liest. Gabriels Flügel sind regenbogenfarben gestreift und mit Augen besetzt wie Pfauenfedern, in den goldfarbenen Fußboden sind Szenen aus dem Alten Testament geritzt, und genau unter Marias Saum lässt Simson den Tempel über den Feiernden einstürzen.

Vor der Eremitage gehörte die Tafel König Wilhelm II. der Niederlande. 1848 lieh ihm Nikolaus I., der Bruder seiner Frau Anna Pawlowna, eine Million Gulden gegen seine Gemäldesammlung als Pfand, 1849 starb der König verschuldet, die Erben gaben die Bilder zur Versteigerung, und am 12. August 1850 kaufte der Maler Fjodor Bruni in Den Haag die „Verkündigung“ für Nikolaus I. In der Eremitage wurde die Malerei, wahrscheinlich zwischen 1864 und 1870, von der Holztafel auf Leinwand übertragen, und deshalb beschreibt die Galerie sie als Öl auf Leinwand, von Holz übertragen.

Im März 1997 kam die „Verkündigung“ für einige Wochen in die Eremitage zurück, zu einer Ausstellung der Reihe „Meisterwerke aus den Museen der Welt“.

4. „Venus mit dem Spiegel“ — Tizian, um 1555

Diese Venus behielt Tizian mehr als 20 Jahre lang in seinem Haus in Venedig, bis zu seinem Tod 1576. Die Galerie vermutet, dass Schüler nach ihr Wiederholungen für Auftraggeber malten, und bekannt sind mindestens 30 Fassungen dieser Komposition von Tizian selbst und seiner Werkstatt.

Venus sitzt da, bis zu den Hüften nackt, die rechte Hand hat sie auf die Brust gelegt, und mit der linken hält sie auf dem Schoß den Rand eines dunkelroten, mit braunem Pelz gefütterten Samtmantels mit breiter Goldborte. Ein Amor steht mit dem Rücken zu uns auf einem gestreiften Kissen und hält ihr einen rechteckigen Spiegel in schwarzem Rahmen vor, und ein zweiter hat sich zwischen Spiegel und Schulter gezwängt und hebt einen Kranz aus Blättern mit kleinen Blüten über ihren Kopf. Im Spiegel sieht man nur einen Streifen ihres Gesichts, einen Perlenohrring und ein Auge, und dieses Auge blickt den Betrachter direkt an. Die Galerie liest das so, dass Venus im Spiegel den betrachtet, der sie selbst ansieht.

1581 verkaufte Tizians Sohn Pomponio das Haus an Cristoforo Barbarigo, und die Bilder, die noch darin waren, gingen allem Anschein nach mit dem Haus an den neuen Besitzer über. Sicher erwähnt wird die „Venus“ zum ersten Mal in Barbarigos Testament von 1600. Mehr als zweieinhalb Jahrhunderte blieb sie bei den Barbarigo, im venezianischen Palazzo Barbarigo della Terrazza, bis die Erben von Giovanni di Alvise Barbarigo sie 1850 an Nikolaus I. verkauften, und in der Eremitage blieb sie bis April 1931, als Mellon sie kaufte.

Madonna von Alba
Madonna von AlbaRaffael, 1511, National Gallery of Art

Röntgenaufnahmen, die Anfang der 1970er Jahre veröffentlicht wurden, zeigten, dass Tizian die „Venus“ über ein aufgegebenes Doppelbildnis eines Mannes und einer Frau gemalt hat.

5. „Madonna von Alba“ — Raffael, um 1510

Die Haltung der Muttergottes für die „Madonna von Alba“ zeichnete Raffael in Rötel nach einem jungen Mann in Hemd und mit nackten Beinen. Das Blatt befindet sich im Palais des Beaux-Arts in Lille, und auf seiner Rückseite ist die ganze Komposition in einem Kreis skizziert.

Auf dem Bild sitzt Maria unmittelbar im Gras, an einen alten Baumstumpf gelehnt. Ihr Körper ist nach rechts gedreht, den Kopf dagegen hat sie scharf nach links gewandt, zu einem dünnen Kreuz aus Stäbchen, an dem sich das Christuskind und der kniende kleine Johannes der Täufer im Fell festhalten, und ihr Gesicht ist ernst. Das rechte Bein hat sie nach vorn gestreckt, unter dem blauen Mantel sieht man den bloßen Fuß in einer graublauen Sandale, und in der linken Hand hält Maria ein kleines geschlossenes Buch, einen Finger zwischen den Seiten. Raffael malte das Bild um 1510 in Rom, zwei Jahre nachdem er aus Florenz dorthin gezogen war.

Die Galerie hält es für möglich, dass der Historiker Paolo Giovio das Bild bestellte und dass es von ihm in eine Kirche in Nocera bei Neapel kam, und schreibt beide Male „möglicherweise“. 1686 kaufte es der Vizekönig von Neapel, der Marqués del Carpio, über seine Tochter ging es an die Herzöge von Alba, von denen es seinen Namen hat, und als Letzte dieser Familie besaß es die Herzogin von Alba in Sanlúcar bei Sevilla. Die Erben der Herzogin verkauften die Madonna an den dänischen Gesandten in Spanien, Graf Bourke. Bourke verkaufte sie 1820 an den Londoner Bankier William Coesvelt, und Coesvelt verkaufte sie 1836 an Nikolaus I. In der Eremitage wurde die Malerei von der Holztafel auf Leinwand übertragen.

Mellon kaufte die „Madonna von Alba“ im April 1931 für 1.166.400 Dollar. Der Preis wurde geheim gehalten, aus Moskau war von anderthalb Millionen die Rede, und als bei den Steueranhörungen 1935 die tatsächliche Summe genannt wurde, schrieben die Zeitungen, so viel sei noch nie für ein Gemälde bezahlt worden.

Madonna von Alba
Madonna von AlbaRaffael, 1511, National Gallery of Art

Die Stiftung von Kress, dem Gründer einer Billigladenkette (1938–1961)

Die kleine Kreuzigung
Die kleine KreuzigungMatthias Grünewald, 1520, National Gallery of Art

6. „Anbetung der Hirten“ („Allendale-Geburt“) — Giorgione, um 1505–1510

Im Dezember 1938 stellte man Giorgiones „Anbetung der Hirten“ im Schaufenster des Kress-Kaufhauses an der Fifth Avenue in New York aus, damit die Kundschaft das Bild vor Weihnachten sehen konnte, und die Kress-Stiftung nennt das „die erstaunlichste Weihnachtsauslage in der Geschichte der Fifth Avenue“. Samuel Kress (1863–1955) gründete die Kette S. H. Kress & Co., Kaufhäuser, in denen die Waren fünf und zehn Cent kosteten, und seine Stiftung trug mehr als 3000 europäische Werke zusammen. Den größten Teil davon schenkte die Stiftung von 1939 bis 1961 der National Gallery in Washington, den Rest verteilte sie auf 18 Museen in anderen Städten, die sie zum Teil deshalb auswählte, weil dort ein Kress-Kaufhaus stand. Die Stiftung kaufte bei Händlern und schenkte die Bilder in Gruppen, sodass das Jahr der Schenkung oft mehrere Jahre nach dem Kauf liegt.

Dieses Bild ging durch die Sammlungen von Kardinal Fesch in Rom und des Sammlers Claudius Tarral, 1847 kaufte es Thomas Wentworth Beaumont, und fast 90 Jahre blieb es in Yorkshire, in Bretton Hall, bei seinen Nachkommen, den späteren Viscounts Allendale, von denen es seinen zweiten Namen hat. Im August 1937 verkauften die Allendales es an Joseph Duveen. Duveen verkaufte es als Giorgione, während Bernard Berenson, ein Kenner der italienischen Malerei, der viele Jahre vertraglich für Duveen gearbeitet hatte, es für einen frühen Tizian hielt, und nach diesem Streit endete ihre Zusammenarbeit. Berensons Biografin Rachel Cohen schreibt unter Berufung auf Duveens Kompagnon Edward Fowles, Duveen habe für das Bild 315.000 Dollar bezahlt, und die Kress-Stiftung habe es ihm 1938 für 400.000 Dollar abgekauft. 1939 schenkte die Stiftung es der Galerie, und die Galerie führt es als Werk Giorgiones.

Anbetung der Hirten
Anbetung der HirtenGiorgione, 1507, National Gallery of Art

Das Bild zerfällt in zwei Hälften. Rechts erhebt sich ein brauner Fels mit dem dunklen Eingang einer Höhle, und unmittelbar am Eingang, in der rechten unteren Ecke, drängt sich die Heilige Familie zusammen: Maria in blauem Mantel kniet, das Kind liegt auf einem weißen Tuch, das über ein Bündel Stroh gebreitet ist, und Joseph in leuchtend orangegoldenem Mantel stützt sich auf einen Steinblock. Links öffnet sich eine helle Landschaft mit einem Fluss, einem Turm und blauen Bergen, und von dort beugen sich zwei Hirten in zerlumpter Kleidung zum Kind. Ganz oben in der linken Ecke, im Laub eines Baumes, sitzt ein winziger Engel auf einer Wolke, so zart gemalt, dass man die Blätter durch ihn hindurch sieht.

7. „Laokoon“ — El Greco, um 1610–1614

Prinz Paul Karađorđević besaß den „Laokoon“ bereits im Mai 1934, noch bevor er im selben Jahr Regent von Jugoslawien wurde. Von Mai 1934 bis Dezember 1935 hing das Bild in der National Gallery in London, der er es geliehen hatte. 1941 endete seine Regentschaft mit einem Putsch, Paul lebte danach im Exil in Südafrika und vereinbarte von Johannesburg aus, dass die National Gallery of Art in Washington das Bild für die Dauer des Krieges verwahren sollte. 1946 gab er es der Firma Knoedler zum Verkauf, im Februar kaufte es die Kress-Stiftung, und im selben Jahr schenkte sie es der Galerie, in deren Gebäude es bereits verwahrt wurde.

Laokoon
LaokoonEl Greco, 1610, National Gallery of Art

Es ist das einzige mythologische Thema in El Grecos Malerei. In einem Inventar der Habe seines Sohnes Jorge Manuel von 1621 sind drei „Laokoon“-Bilder verzeichnet, und erhalten ist von ihnen nur dieses. Später gehörte das Bild dem Infanten Antonio von Orléans in Spanien, spätestens 1910 war es beim Pariser Händler Durand-Ruel, 1911 wurde es in München gezeigt, und 1914–1915 war es leihweise in Berlin ausgestellt.

Der Priester Laokoon, der nach Vergils „Aeneis“ die Trojaner vor dem hölzernen Pferd warnte und mit seinen Söhnen durch Schlangen umkam, liegt rücklings auf dunklen Steinen und hält eine Schlange dicht vor seinem Gesicht. Links steht einer der Söhne, über dessen erhobenem Arm sich eine zweite Schlange zur Schlinge windet, und der andere Sohn liegt neben dem Vater, die angewinkelten Beine hochgereckt. An die Stelle Trojas malte El Greco Toledo, wo er arbeitete: auf einem Hügel rosafarbene und graue Mauern mit einem Tor, und vor dem Tor steht ein kleines rötliches Pferd.

Anbetung der Könige
Anbetung der KönigeFra Angelico, 1430, National Gallery of Art

Rechts stehen zwei Nackte abseits des Geschehens, und wer sie sind, darüber streiten die Forscher bis heute. Man hat in ihnen Apollon und Artemis gesehen, Paris und Helena, Adam und Eva, und die Galerie vermutet vorsichtig, es seien Götter, die ihrer eigenen Rache zusehen. Zwischen ihren Köpfen ist ein dritter Kopf eingefügt, blass, im Profil, und der grünlich blaue Himmel reicht ihm bis auf Kinn und Hals.

8. „Anbetung der Könige“ (Cook-Tondo) — Fra Angelico und Fra Filippo Lippi, um 1440–1460

Nach dem Tod von Lorenzo il Magnifico ist im Inventar seines Besitzes von 1492, in einem großen Raum im Erdgeschoss des Palazzo Medici in Florenz, ein großes Tondo verzeichnet, also ein rundes Bild, in vergoldetem Rahmen, mit der Muttergottes, dem Kind und den Heiligen Drei Königen, die mit Gaben kommen, von der Hand Fra Giovannis, so hieß der Mönch Fra Angelico, und auf 100 Florin geschätzt. Man nimmt allgemein an, dass es sich um eben diese Tafel handelt. Die Galerie nennt sie das teuerste Gemälde im Palast, und zum Vergleich wurden sechs Tafeln von Paolo Uccello im selben Raum, darunter die drei Bilder der „Schlacht von San Romano“, zusammen auf 300 Florin geschätzt.

Begonnen hat das Tondo Fra Angelico, ein Dominikanermönch, und nach seinem Tod 1455 vollendete es Fra Filippo Lippi, ein Karmelitermönch, und welche Figur von wem stammt, ist bis heute umstritten. Die Galerie schreibt Angelico den Kopf Marias zu, Lippi die prächtig gekleideten Könige und den breitgesichtigen Joseph.

Mehr als 100 Menschen ziehen in einer Spirale von rechts oben herab, von einem grünen Hügel an weißen Zinnenmauern vorbei und durch einen zerfallenen Bogen links zu den Königen, die unten knien, und der älteste von ihnen hat die Krone abgenommen und hält den Fuß des Kindes. Auf dem Dach des Stalls steht ein großer Pfau mit blauem Hals, und weiter rechts stößt ein Raubvogel auf einen Fasan herab. Die Galerie nimmt an, dass Lippi diese Vögel zuletzt hinzufügte, über die bereits fertige Malerei. Auf den Mauertrümmern rechts vom Bogen stehen fünf nackte Jünglinge, und unten im Gras liegt ein weißer Hund mit kurz gestutzten Ohren.

Vom Ende des 16. Jahrhunderts an gehörte das Tondo rund zwei Jahrhunderte lang der Florentiner Familie Guicciardini. 1810 wurde es als Botticelli verkauft, 1826 in London als Fra Angelico, 1849 schrieb man es Filippo Lippi zu, und 1874 ging es bei der Versteigerung der Sammlung Alexander Barker als Werk seines Sohnes Filippino Lippi an Sir Francis Cook, dessen Namen es seitdem trägt. Cooks Erben bewahrten es in Doughty House in Richmond auf, im Februar 1947 kaufte die Kress-Stiftung es ihnen ab, nun schon als Filippo Lippi, und 1952 schenkte sie es der Galerie. Die Galerie beschriftet das Tondo mit zwei Namen.

Anbetung der Könige
Anbetung der KönigeFra Angelico, 1430, National Gallery of Art
Kaiser Napoleon in seinem Arbeitszimmer in den Tuilerien
Kaiser Napoleon in seinem Arbeitszimmer in den TuilerienJacques-Louis David, 1812, National Gallery of Art

9. „Kaiser Napoleon in seinem Arbeitszimmer in den Tuilerien“ — Jacques-Louis David, 1812

Der Schotte Alexander, Marquess of Douglas, Erbe der Herzöge von Hamilton, bestellte das Napoleonbildnis bei David mit einem Brief vom 3. August 1811, als Großbritannien mit Frankreich im Krieg lag. David, seit 1804 Napoleons Erster Maler, vereinbarte mit ihm einen Preis von 1000 Guineen und trug das Bildnis in sein Register als Bild für England ein.

Napoleon steht in ganzer Figur am Schreibtisch, die rechte Hand in die weiße Weste geschoben. In einem Brief vom 8. Mai 1812 erklärte David, er habe den Kaiser bei seiner gewohntesten Beschäftigung dargestellt, bei der Arbeit. Der Kaiser habe die Nacht im Arbeitszimmer verbracht und an seinem Gesetzbuch gearbeitet, die Kerzen seien heruntergebrannt, die Uhr zeige die Morgendämmerung an, und gleich werde er den Degen nehmen, um zur Truppenschau aufzubrechen. Eine Kerze in der Lampe auf dem Tisch ist erloschen und raucht, die andere brennt noch, die hohe Standuhr rechts zeigt nach der Lesart der Galerie 4 Uhr 13, auf dem eingerollten Blatt auf dem Tisch sind die Buchstaben COD zu sehen, und der Degen mit goldenem Griff liegt auf einem Sessel, der mit rotem Samt und goldenen Bienen bezogen ist. Die Forscher halten es für wahrscheinlich, dass Napoleon für das Bildnis nicht Modell saß.

Das Bildnis hing in Hamilton Palace bei Glasgow, bis 1882 bei Christie’s die Sammlung des Palastes versteigert wurde, und ein gewisser F. Davis kaufte es, wahrscheinlich für den Earl of Rosebery, den späteren Premierminister und Verfasser eines Buches über Napoleons letzte Jahre. 1951 verkaufte der sechste Earl of Rosebery das Bild an die Firma Wildenstein, 1954 kaufte es die Kress-Stiftung von ihr, und 1961 kam es mit der letzten großen Schenkung der Stiftung in die Galerie.

David vollendete das Bildnis Ende März 1812, drei Monate bevor Napoleons Armee in Russland einmarschierte.

Kaiser Napoleon in seinem Arbeitszimmer in den Tuilerien
Kaiser Napoleon in seinem Arbeitszimmer in den TuilerienJacques-Louis David, 1812, National Gallery of Art

Ein Haus aus Philadelphia zieht nach Washington (gekauft 1911–1922, geschenkt 1942)

Frau mit der Waage
Frau mit der WaageJohannes Vermeer, 1665, National Gallery of Art

10. „Frau, die eine Waage hält“ — Jan Vermeer, um 1664

Die Waage, die die Frau mit zwei Fingern der rechten Hand hält, hängt im Gleichgewicht, und beide Messingschalen sind leer, auf jeder sitzt nur ein winziges Glanzlicht am Rand. In der Galerie hat man diese Glanzlichter unter dem Mikroskop untersucht und festgestellt, dass sie anders gemalt sind als die Goldkette und die Perlen auf dem Tisch, sodass in den Schalen weder Gold noch Perlen liegen. Dabei wurde das Bild 1696 bei einer Versteigerung in Amsterdam als „junge Dame, die Gold wiegt“ angeboten, und im Katalog der Sammlung Widener von 1913 hieß es „Frau, die Gold wiegt“.

Das Licht fällt von links oben aus einem Fenster hinter einem gelborangen Vorhang und beleuchtet nur sie, die weiße Haube, das Gesicht, die Hände und die Perlen, die aus einem Kästchen auf den Tisch gerollt sind. Hinter ihr hängt ein dunkles Bild des Jüngsten Gerichts, oben hebt Christus in einem blassen Schein beide Hände, und der Kopf der Frau befindet sich genau unter ihm.

Vermeer lebte sein ganzes Leben in Delft, von 1632 bis 1675, und von ihm sind 35 bis 37 Bilder erhalten. 1910 kaufte die Londoner Firma Colnaghi dieses Bild, wahrscheinlich von der Comtesse de Ségur, geborene Périer, im Oktober übernahm die New Yorker Firma Knoedler ein Viertel daran, und am 11. Januar 1911 verkauften beide es an Peter Widener. Zwanzig Jahre später verkauften dieselben zwei Firmen Mellon die Bilder aus der Eremitage.

Peter A. B. Widener (1834–1915) wurde mit den Straßenbahnlinien von Philadelphia reich und sammelte europäische Malerei in Lynnewood Hall, seinem Herrenhaus in Elkins Park bei Philadelphia. Sein Sohn Joseph (1871–1943) verkleinerte die Sammlung auf etwa 100 Gemälde und schenkte 1942 der National Gallery mehr als 2000 Objekte, Grafik eingeschlossen, darunter rund 100 Gemälde. Pennsylvania verlangte für die Ausfuhr der Bilder aus dem Bundesstaat eine Erbschaftssteuer von fünf Prozent, und bezahlt hat sie am Ende der Kongress, der auf Roosevelts Bitte dafür 195.000 Dollar bewilligte.

11. „Die Mühle“ — Rembrandt, 1645–1648

Die Mühle
Die MühleRembrandt, 1645, National Gallery of Art

Bevor „Die Mühle“ nach Amerika gebracht wurde, zeigte man sie zwei Tage lang in der National Gallery in London, und die Zeitungen berichteten von etwa 11.000 Besuchern am Tag. Nach England kam das Bild in den 1790er Jahren, als die holländischen Bilder aus der Sammlung der Herzöge von Orléans verkauft wurden, und spätestens 1824 gehörte es den Marquesses of Lansdowne auf ihrem Landsitz Bowood.

1911 bot der Händler Arthur Sulley, wie sich später herausstellte im Auftrag von Peter Widener, dem Marquess of Lansdowne 100.000 Pfund. Am 9. März 1911 erklärte ein Vertreter des Schatzamts im Unterhaus, der Marquess habe das Angebot angenommen, dem Land aber das Recht gelassen, das Bild zum selben Preis zuerst zu kaufen, und versprochen, 5000 Pfund selbst beizusteuern, das Kuratorium der National Gallery habe jedoch kein solches Geld und könne keine öffentliche Sammlung ausrufen. Trotz einer Kampagne, das Bild in London zu halten, ging „Die Mühle“ im April 1911 an Widener.

Im selben April schickte Sulley das Bild nach Berlin, zum Restaurator Hauser, der für den Direktor der Berliner Museen, Wilhelm von Bode, arbeitete. Am 10. April telegrafierte Hauser, den ganzen Firnis abzunehmen hieße das Bild zu verderben, und schlug vor, nur die gelben Flecken rechts am Himmel und auf dem Wasser zu entfernen. Rembrandts Urheberschaft wurde seit eben jenem Jahr 1911 mehrfach angezweifelt, die Galerie erkennt sie jedoch an.

Das Festmahl der Götter
Das Festmahl der GötterGiovanni Bellini, 1514, National Gallery of Art

Auf der dunklen Masse einer Bastion steht eine Mühle mit blass lachsfarbenen Flügeln, unten am Wasser spült eine Frau Wäsche, und rechts legt ein Boot mit gesenktem Mast am Ufer an. Silbrig grau zeigte sich der Himmel über dem Wasser erst nach der Reinigung der Jahre 1977 bis 1979, als man in der Galerie den nachgedunkelten Firnis abnahm, und zuvor hatte man ihn goldgelb gesehen.

12. „Das Festmahl der Götter“ — Giovanni Bellini und Tizian, 1514–1529

Die beiden Hälften der Landschaft im „Festmahl der Götter“ sind unterschiedlich gemalt: Rechts hinter den Figuren steht eine gleichmäßige Reihe dünner, gerader Stämme mit hellem Himmel dazwischen, und links erhebt sich ein steiler brauner Fels unter blauem Himmel mit Wolken. Giovanni Bellini malte das Bild 1514, wahrscheinlich im Auftrag Alfonsos I. d’Este, des Herzogs von Ferrara, für dessen privates Kabinett im Schloss, das man das Alabasterkabinett nannte, und es war das erste der Bacchanale, die der Herzog dafür bestellte. Bellini war damals um die 80 und seit Jahrzehnten der erste Maler Venedigs, und es ist sein letztes großes Werk. 1516 starb er.

Die technischen Untersuchungen der Galerie, die 1990 der Restaurator David Bull und Joyce Plesters von der National Gallery in London veröffentlichten, unterschieden in dem Bild drei Hände. Der ferraresische Maler Dosso Dossi ersetzte Bellinis Bäume links durch einen Hügel mit Gebäuden und setzte rechts einen Fasan auf einen Ast. Um 1529 malte Tizian, Bellinis Schüler (von ihm erzählt das Kapitel über die „Venus mit dem Spiegel“), diesen Teil neu, mit dem Felsen und den Wolken, damit das Bild zu seinen eigenen Bacchanalen für dasselbe Kabinett passte, und von Dossos Arbeit ließ er nur den Fasan stehen. Die Figuren sind nach dem Befund der Galerie so geblieben, wie Bellini sie gemalt hat.

Der Stoff stammt aus Ovids „Fasti“. Bei einem Fest des Bacchus schleicht sich Priapus an die schlafende Nymphe Lotis heran, der Esel des Silen schreit, die Nymphe erwacht, und die Götter lachen über Priapus. Bellini malte den Augenblick, bevor der Esel schreit. Rechts hat sich Priapus in grüner Jacke vorgebeugt und hebt den Saum des weißen Kleides der schlafenden Nymphe an, und links ragt über der Gesellschaft der Kopf des Esels mit seinen langen Ohren auf.

Die Bilder hingen bis 1598 im Kabinett. Alfonso II. d’Este starb ohne legitimen Erben, Ferrara fiel an den Kirchenstaat, und Kardinal Pietro Aldobrandini brachte die Bilder des Kabinetts nach Rom, wo Ippolito Aldobrandini sie erbte. Später ging das „Festmahl der Götter“ an die römischen Brüder Camuccini, dann an den Herzog von Northumberland auf Alnwick Castle, und 1921–1922 wurde es für die Sammlung des verstorbenen Peter Widener gekauft, wobei sein Sohn Joseph das Geschäft abwickelte.

Das Festmahl der Götter
Das Festmahl der GötterGiovanni Bellini, 1514, National Gallery of Art

Auf einem Zettel, der an den Holzkübel rechts unten geheftet ist, steht die Signatur „joannes bellinus venetus p MDXIIII“, also „Giovanni Bellini, Venezianer, malte es 1514“.

In denselben Jahren: Amerikaner, die in London und Paris malten (1940–1963)

Symphonie in Weiß Nr. 1: Das weiße Mädchen
Symphonie in Weiß Nr. 1: Das weiße MädchenJames McNeill Whistler, 1860, National Gallery of Art

13. „Symphonie in Weiß Nr. 1. Das weiße Mädchen“ — James McNeill Whistler, 1861–1863, 1872

Die Royal Academy in London nahm dieses Bild 1862 nicht in ihre Sommerausstellung auf, und Whistler zeigte es in der privaten Galerie von Matthew Morgan, die es als „Die Frau in Weiß“ ankündigte, nach dem Titel des damals viel gelesenen Romans von Wilkie Collins. Whistler schrieb an die Zeitschrift „The Athenaeum“, sein Bild stelle „einfach ein weiß gekleidetes Mädchen dar, das vor einem weißen Vorhang steht“. 1863 lehnte es die Jury des Pariser Salons ab, und es hing im Salon des Refusés unter dem Titel „Die weiße Dame“, in derselben Ausstellung wie Manets „Frühstück im Grünen“. Der Maler Henri Fantin-Latour schrieb Whistler am Eröffnungstag, er sei jetzt berühmt, um das Bild stehe ständig eine Menge, und Courbet nenne es eine Erscheinung.

Whistler, ein Amerikaner, hatte in Paris Malerei studiert und lebte seit 1859 in London, und dieses Bild malte er im Winter 1861–1862 in Paris und überarbeitete es 1872. Die junge Frau in einem schlichten weißen Kleid steht in ganzer Figur vor einem weißen Vorhang, und ihr offenes dunkelrotes Haar fällt ihr auf die Schultern. In der gesenkten linken Hand hält sie eine welke Blume am Stiel, unter ihren Füßen liegt ein helles Tierfell mit einem Kopf, der die Zähne fletscht, und rechts oben auf dem Vorhang steht in dunkelblauer Farbe „Whistler 1862“. Modell stand Joanna Hiffernan, Whistlers Lebensgefährtin und wichtigstes Modell in den 1860er Jahren.

1875 wurde das Bild nach Baltimore geschickt, zu einem Neffen des Malers, 1896 kaufte es Harris Whittemore aus Connecticut, und 1943 schenkte die Familienfirma der Whittemores es der Galerie als „Sammlung Harris Whittemore“. Amerikanische Bildnisse des 18. Jahrhunderts hatte die Mellon-Stiftung der Galerie schon 1940 und 1942 übergeben, und „Das weiße Mädchen“ war das erste amerikanische Meisterwerk des 19. Jahrhunderts, das der Galerie jemand außerhalb des Kreises der Mellons schenkte.

Symphonie in Weiß Nr. 1: Das weiße Mädchen
Symphonie in Weiß Nr. 1: Das weiße MädchenJames McNeill Whistler, 1860, National Gallery of Art
Der Schlittschuhläufer
Der SchlittschuhläuferGilbert Stuart, 1782, National Gallery of Art

14. „Der Schlittschuhläufer (Bildnis des William Grant)“ — Gilbert Stuart, 1782

Jane Stuart, die Tochter des Malers, erzählte diese Geschichte 1877 nach den Worten ihres Vaters, fast ein Jahrhundert nachdem das Bildnis gemalt worden war. Der junge Schotte William Grant aus Congalton kam zu Gilbert Stuart, um ihm für ein ganzfiguriges Bildnis zu sitzen, und sagte, bei solchem Frost laufe man besser Schlittschuh, als vor einem Maler zu sitzen. Sie gingen Schlittschuh laufen, nach der Version der Galerie auf dem Serpentine-See im Hyde Park, das Eis begann zu knacken, und Stuart hieß Grant, sich an den Schößen seines Rocks festzuhalten, und führte ihn ans Ufer. Zurück im Atelier malte er Grants Kopf nach der Natur und schlug vor, ihn auf Schlittschuhen darzustellen.

Stuart, gebürtig aus Rhode Island, arbeitete seit 1777 in London in der Werkstatt des Malers Benjamin West. Als das Bildnis 1782 in der Royal Academy gezeigt wurde, war er nach seinen späteren Worten „durch ein einziges Bild plötzlich zu Ruhm gelangt“.

Grant gleitet fast direkt auf uns zu, die Arme hoch vor der Brust verschränkt, in schwarzem Rock mit grauem Pelzkragen und mit breitkrempigem schwarzem Hut, und der Horizont verläuft auf Höhe seiner Hüften. Das Bild ist fast ganz grau, vom Himmel und den kahlen Bäumen bis zum dunklen Eis mit feinen Kufenspuren, und warme Flecken setzen darin nur Grants rosiges Gesicht und die kleinen roten Figuren am Ufer. Rechts unter einem Baum hat sich ein Mann in Rot vorgebeugt und schnallt einen Schlittschuh fest.

Das Bildnis blieb bei Grants Nachkommen, und 1950 kaufte die Galerie es von einer von ihnen, Mrs. John Stuart Bordewich in London. In den fast 170 Jahren im Familienbesitz wurde es zwischendurch, 1878, in der Royal Academy als Werk von Thomas Gainsborough ausgestellt.

15. „Watson und der Hai“ — John Singleton Copley, 1778

Watson und der Hai
Watson und der HaiJohn Singleton Copley, 1778, National Gallery of Art

Der blasse nackte Junge, der vor dem aufgerissenen Maul des Hais auf dem Rücken im Wasser treibt, ist Brook Watson, der Auftraggeber des Bildes. 1749 badete er als Vierzehnjähriger im Hafen von Havanna, und der Hai griff ihn zweimal an. Zuerst riss er ihm Fleisch aus der Wade, dann biss er ihm den rechten Fuß ab, und später wurde ihm das Bein unterhalb des Knies abgenommen. Gerettet wurde er beim dritten Versuch, und diesen Augenblick hat Copley gemalt. Watson wurde später Kaufmann, saß im Parlament und war 1796–1797 Lord Mayor von London.

John Singleton Copley, der führende Porträtmaler Bostons, verließ 1774 Amerika und ließ sich in London nieder, und „Watson und der Hai“ war dort sein erstes großes Historienbild. 1778 wurde es in der Royal Academy unter dem Titel „Ein Junge, von einem Hai angegriffen und von Seeleuten in einem Boot gerettet, nach einer wahren Begebenheit im Hafen von Havanna“ gezeigt, ohne Watsons Namen.

Die neun Menschen im Boot bilden eine Pyramide. Zwei junge Matrosen hängen über die Bordwand und strecken sich nach der Hand des Jungen, am Heck holt ein Jüngling mit wehendem Haar mit einem langen Bootshaken gegen den Hai aus, und an der Spitze steht ein Schwarzer Matrose in weißem Hemd und hält ein Seil, das sich in einer Schlinge um den erhobenen Arm des Jungen legt. Diesem Matrosen hat die Galerie eine eigene Untersuchung gewidmet.

Watson und der Hai
Watson und der HaiJohn Singleton Copley, 1778, National Gallery of Art

In seinem Testament vom 12. August 1803 vermachte Watson das Bild der Londoner Wohltätigkeitsschule Christ’s Hospital als „höchst nützliche Lehre für die Jugend“, mit der Bestimmung, dass die Schule es nach dem Tod seiner Witwe erhalten sollte. Watson starb 1807, und am 28. September 1819 beschloss die Schule, das Bild anzunehmen und in ihrem großen Saal aufzuhängen. 1963 verkaufte die Schule es an die National Gallery.

Eine Wiederholung in Originalgröße, die Copley im selben Jahr 1778 für sich selbst malte, befindet sich im Museum of Fine Arts in Boston, und eine verkleinerte Fassung im Hochformat von 1782 im Detroit Institute of Arts.

Erben schenken, die Galerie kauft und prüft die Geschenke (1956–2022)

16. „Die Eisenbahn“ — Édouard Manet, 1873

Der französische Karikaturist Cham zeichnete 1874 für die Satirezeitschrift „Le Charivari“ eine Karikatur auf „Die Eisenbahn“, mit einer Bildunterschrift, nach der diese Unglücklichen fliehen wollten, als sie sahen, wie man sie gemalt hatte, der Maler aber vorsorglich ein Gitter aufgestellt und ihnen den Weg abgeschnitten habe. Die Jury des Salons nahm das Bild in jenem Jahr an.

Die Eisenbahn
Die EisenbahnÉdouard Manet, 1873, National Gallery of Art

Eine junge Frau in dunkelblauem Kleid hat den Blick von einem aufgeschlagenen Buch gehoben und sieht uns direkt an, in ihrer Armbeuge schläft ein Welpe, und neben ihr steht ein Mädchen in weißem Kleid mit großer hellblauer Schleife mit dem Rücken zu uns und hält sich an den schwarzen Stäben eines eisernen Gitters fest. Das Gitter zieht sich durch das ganze Bild, und dahinter füllt eine weiße Dampfwolke alles aus, durch die ein steinernes Haus mit hohen Bogentüren schimmert. Nach Beobachtung von Forschern malte Manet das Bild in einem Garten über den Gleisen des Bahnhofs Saint-Lazare, und hinter dem Dampf ist die Tür seines eigenen Ateliers zu sehen. Für die Frau stand Manet Victorine Meurent Modell, und es war das letzte Bild, für das sie ihm saß.

Gekauft hat das Bild von Manet der Opernbariton Jean-Baptiste Faure, der bei ihm mehr kaufte als jeder andere, um 1881 ging es an den Händler Durand-Ruel, und 1898 erwarben es die New Yorker Sammler Henry und Louisine Havemeyer. Den Hauptteil ihrer Sammlung vermachte Louisine 1929 dem Metropolitan Museum, „Die Eisenbahn“ aber erbte ihr Sohn Horace, und 1956 vermachte er das Bild der National Gallery „in Erinnerung an seine Mutter, Louisine W. Havemeyer“.

Von den Bildern, die Manet zum Salon von 1874 einreichte, lehnte die Jury den „Maskenball in der Oper“ ab. Auch er ist in Washington: 1894 kaufte ihn Henry Havemeyer, und 1982 schenkte ihn die Witwe von Horace der Galerie.

Die Eisenbahn
Die EisenbahnÉdouard Manet, 1873, National Gallery of Art
Der Maskenball in der Oper
Der Maskenball in der OperÉdouard Manet, 1873, National Gallery of Art

17. „Die Bootspartie“ — Mary Cassatt, 1893–1894

Das Testament von Chester Dale verbietet der Galerie, Werke aus seiner Sammlung zu verleihen. Dale, ein New Yorker Anleihenhändler von der Wall Street, sammelte französische Malerei zusammen mit seiner ersten Frau Maud, einer Malerin und Kritikerin, war seit 1955 Präsident der National Gallery, starb im Dezember 1962 und hinterließ der Galerie etwa 240 Gemälde. Berichten zufolge begründete er seine Bedingung so: Er wolle nicht, dass ein Amerikaner, der einen weiten Weg zu einem lange ersehnten Bild auf sich genommen habe, an dessen Stelle eine leere Wand und ein Schild „Ausgeliehen“ vorfinde.

Mary Cassatt, geboren in Pennsylvania, lebte seit 1866 in Frankreich und beriet Louisine Havemeyer, welche Bilder sie kaufen sollte. „Die Bootspartie“ malte sie im Winter 1893–1894 in Antibes und behielt das Bild mindestens bis 1918 bei sich, danach gelangte es zu Durand-Ruel, und am 1. Oktober 1929 kaufte Dale es in dessen New Yorker Niederlassung.

Die Bootspartie
Die BootspartieMary Cassatt, 1893, National Gallery of Art
Ginevra de' Benci
Ginevra de' BenciLeonardo da Vinci, 1476, National Gallery of Art

Der Standpunkt liegt im Boot selbst, fast hinter der Schulter des Ruderers. Der Ruderer füllt als eine einzige dunkelblaue Masse das ganze rechte Drittel des Bildes, das helle Ruder führt vom linken Rand durch die Mitte zu seiner Hand, und ihm gegenüber, am Heck, sitzt eine Frau mit einem Hut mit großer gelber Schleife, und auf ihrem Schoß hängt schlaff ein schweres Kind in rosa Kleid, das den Ruderer ansieht. Das Innere des Bootes ist in flachem Zitronengrün gemalt, und die weiße Bordwand zieht sich wie ein Rahmen um die ganze untere Hälfte des Bildes. Diese flachen Farbflächen und den ungewöhnlichen Blickwinkel bringt die Galerie mit dem japanischen Farbholzschnitt in Verbindung, den Cassatt in Paris studiert hatte.

1966 wurde „Die Bootspartie“ auf eine Fünf-Cent-Briefmarke der USA gedruckt.

18. „Bildnis der Ginevra de’ Benci“ — Leonardo da Vinci, um 1474–1478

Der Restaurator Mario Modestini brachte „Ginevra de’ Benci“ mit dem Swissair-Flug 100 nach Amerika, in einem eigens auf das Bild zugeschnittenen Koffer von American Tourister, und der Platz für das Bild im Flugzeug war auf den Namen „Mrs. Modestini“ gebucht. So kam das einzige Gemälde Leonardo da Vincis in die USA, das in Amerika öffentlich zu sehen ist.

Kranz aus Lorbeer, Palme und Wacholder mit einer Schriftrolle mit der Inschrift Virtutem Forma Decorat [Rückseite]
Kranz aus Lorbeer, Palme und Wacholder mit einer Schriftrolle mit der Inschrift Virtutem Forma Decorat [Rückseite]Leonardo da Vinci, 1474, National Gallery of Art

Die Galerie kaufte das Bildnis am 10. Februar 1967 von Fürst Franz Josef II. von Liechtenstein, der in jenen Jahren auch andere Bilder aus der Familiensammlung verkaufte. Bezahlt wurden dafür Berichten zufolge rund fünf Millionen Dollar, mehr, als bis dahin jemand für ein Gemälde gezahlt hatte, und das Geld kam aus dem Fonds von Ailsa Mellon Bruce, der Tochter des Galeriegründers (von ihr und ihrem Bruder erzählt das nächste Kapitel). Die Fürsten von Liechtenstein kauften das Bildnis wahrscheinlich schon vor 1712 in Florenz, unter Fürst Johann Adam Andreas I. 1733 wurde auf die Rückseite der Tafel ein rundes rotes Lacksiegel mit ihrem Wappen gesetzt, und spätestens in diesem Jahr gehörte ihnen das Bildnis sicher. Während des Zweiten Weltkriegs brachte man das Bild von Wien nach Vaduz.

Ginevra, Tochter des Florentiner Bankiers Amerigo de’ Benci, heiratete 1474 mit sechzehn Jahren Luigi Niccolini. Nach Ansicht der Galerie hat das Bildnis höchstwahrscheinlich Bernardo Bembo bestellt, der venezianische Gesandte in Florenz und ihr platonischer Verehrer, und bei Infrarotaufnahmen fand man auf der Rückseite unter Ginevras Devise Bembos eigene Devise, VIRTUS ET HONOR. Leonardo war damals Anfang zwanzig und arbeitete in Florenz, und dies ist eines seiner ersten Ölbilder.

Ginevras Gesicht ist blass, fast porzellanhaft, die Lider sind schwer, die Lippen fest geschlossen, hinter ihrem Kopf steht ein dunkler, stachliger Wacholderbusch, und rechts öffnet sich eine Landschaft mit Wasser und zwei schlanken Turmspitzen in der Ferne. Die Galerie merkt an, dass man Frauen damals im Innenraum malte, mit der Landschaft hinter einem Fenster, während Leonardo Ginevra unter freien Himmel stellte. Hände sind auf dem Bildnis nicht zu sehen, weil die Tafel unten beschnitten wurde. Wo sie waren, ist umstritten: Eine Studie weiblicher Hände aus Windsor hat man mit der „Ginevra“ in Verbindung bringen wollen, die Royal Collection datiert sie jedoch um 1490, deutlich später als das Bildnis.

Auf der Rückseite ist auf dunkelrotem Grund, der Porphyr nachahmt, ein Kranz aus Lorbeer und Palme um einen Wacholderzweig gemalt, und durch ihn windet sich ein Band mit der Inschrift VIRTVTEM FORMA DECORAT, „Die Schönheit schmückt die Tugend“. Die Zweige von Lorbeer und Palme laufen über den unteren Rand hinaus und treffen sich nicht, weil mit der Tafel auch der untere Teil des Kranzes abgeschnitten wurde.

Frau mit Sonnenschirm – Madame Monet und ihr Sohn
Frau mit Sonnenschirm – Madame Monet und ihr SohnClaude Monet, 1875, National Gallery of Art

19. „Frau mit Sonnenschirm. Madame Monet und ihr Sohn“ — Claude Monet, 1875

Paul Mellon, der Sohn des Galeriegründers, sagte 1967, Bunny und er hätten die Natur und das Leben im Freien immer geliebt, und er meine, dasselbe könne er für seine Schwester Ailsa Mellon Bruce sagen. Vielleicht erkläre das ihre Neigung zu den Impressionisten. Paul Mellon (1907–1999) gehörte fast 50 Jahre lang dem Kuratorium der Galerie an und war dessen erster Präsident, und zusammen mit seiner Schwester Ailsa Mellon Bruce (1901–1969) und der Andrew W. Mellon Foundation gab er das Geld für das Ostgebäude und übergab der Galerie mehr als 1000 Werke. Er sammelte gemeinsam mit seiner Frau Rachel, die man Bunny nannte, und kaufte nur, womit er leben und was er ständig sehen wollte.

Die „Frau mit Sonnenschirm“ kaufte der Pariser Händler Hector Brame für ihn am 15. Juni 1965 im Palais Galliera, bei der Versteigerung der Sammlung Georges Menier, und 1983 schenkten Paul und Bunny Mellon das Bild der Galerie.

Camille, Monets Frau, steht auf der Kuppe eines grasbewachsenen Hügels, ganz vor dem Himmel. Sie trägt ein weißes Kleid, dessen Schattenseite in Blau, Flieder und Violett gemalt ist, in der rechten Hand hält sie einen grünen Sonnenschirm, und der Wind weht ihr einen durchsichtigen Schleier ins Gesicht und treibt ihn nach rechts. Ihr Sohn Jean steht hinter ihr, weiter unten am Hang, und das Gras verdeckt ihn bis zur Taille. Monet malte die beiden im Sommer 1875 bei Argenteuil, wo er damals lebte, und signierte rechts unten mit „Claude Monet 75“.

Als Erster kaufte das Bild 1876 der Pariser Arzt Georges de Bellio, einer von Monets treuesten Käufern, und zwei Jahre später erwarb derselbe de Bellio „Impression, Sonnenaufgang“ für 210 Francs.

20. „Mädchen mit Flöte“ — Werkstatt Vermeers, um 1669–1675

Im Oktober 2022 kamen Kuratoren, Restauratoren und Naturwissenschaftler der National Gallery, die zwei Jahre lang die Pigmente und Aufnahmen des „Mädchens mit Flöte“ untersucht hatten, zu dem Schluss, dass Vermeer es nicht gemalt hat, und die Galerie beschriftete es mit „Werkstatt Vermeers“. Nach den Ergebnissen der Forscher, die im selben Jahr im „Journal of Historians of Netherlandish Art“ veröffentlicht wurden, kannte der Maler Vermeers Verfahren aus nächster Nähe und folgte Schritt für Schritt seiner Arbeitsweise, führte aber jeden Schritt gröber aus. Er malte auf einer Eichentafel mit grober grauer Grundierung, wie sie bei keinem anderen untersuchten Vermeer vorkommt, während Vermeer selbst gewöhnlich auf Leinwand malte.

Mädchen mit Flöte
Mädchen mit FlöteWerkstatt des Johannes Vermeer, 1675, National Gallery of Art
Mädchen mit rotem Hut
Mädchen mit rotem HutJohannes Vermeer, 1669, National Gallery of Art
Mädchen mit Flöte
Mädchen mit FlöteWerkstatt des Johannes Vermeer, 1675, National Gallery of Art

Das Mädchen sieht uns unter einem breiten kegelförmigen Hut mit grau-weiß-braunen Streifen direkt an, fast das ganze Gesicht liegt in grünlichem Schatten, und nur die linke Wange und die Nase sind als breite rosa Fläche beleuchtet. Zwischen die halb geöffneten roten Lippen ist ein blaugrüner Lichtpunkt gesetzt, und die Autoren der Studie sehen darin eine missverstandene Wiederholung von Vermeers Gewohnheit, Glanzlichter in der Farbe ihrer Umgebung zu tönen. Die Finger der Hand mit der goldfarbenen Flöte haben kaum Gelenke, und der Knauf des Stuhls links ist zu ein paar Lichtflecken zerfallen. Im „Mädchen mit rotem Hut“, das Mellon der Galerie 1937 schenkte, ist am selben Stuhl mit wenigen Pinselstrichen ein Löwenkopf gemalt, und dieselbe Prüfung hat dieses Bild bestanden.

Das „Mädchen mit Flöte“ kaufte Joseph Widener 1923, und als es 1942 mit seiner Schenkung in die Galerie kam, wurde es nach den Worten der Autoren der Studie als fünfter Vermeer des Museums begrüßt. Nach ihren Angaben hat eine Untersuchung von 1974 zwei dieser fünf Bilder, das „Lächelnde Mädchen“ und die „Spitzenklöpplerin“ aus der Sammlung Mellon, als Fälschungen des 20. Jahrhunderts erkannt.

Das Rijksmuseum war mit dem Ergebnis der Galerie nicht einverstanden. In der Liste der Bilder für seine Vermeer-Ausstellung, veröffentlicht am 1. November 2022, führte es das „Mädchen mit Flöte“ als Werk Vermeers von 1664–1667, der Leiter der Gemäldeabteilung, Pieter Roelofs, sagte, das Museum werde es „als echten Vermeer“ aufhängen, und 2023 zeigte das Rijksmuseum es auch so.

Was es noch zu sehen gibt

Aus denselben Käufen Mellons in der Eremitage besitzt die Galerie Raffaels „Der heilige Georg und der Drache“, auf dem der Ritter das Band des Hosenbandordens um das Bein gebunden trägt, die „Anbetung der Heiligen Drei Könige“ von Botticelli, „Ein polnischer Edelmann“ von Rembrandt und Peruginos „Galitzin-Triptychon“. Aus Dales Vermächtnis lohnt es sich, Picassos „Gauklerfamilie“, Manets „Der alte Musiker“ und Renoirs „Mädchen mit Gießkanne“ aufzusuchen. Zur Schenkung von Ailsa Mellon Bruce gehört Fragonards „Lesendes Mädchen“, unter dem man 2015 eine ursprünglich gemalte andere Figur fand. Die Kress-Stiftung schenkte der Galerie 1961 „Die kleine Kreuzigung“ von Grünewald. Die Kunst des 20. Jahrhunderts ist im Ostgebäude des Architekten I. M. Pei versammelt, von Rothko und Pollocks „Lavender Mist“ bis zu Calders Mobile.