Als 1878 in Athen die erste öffentliche Gemäldegalerie eröffnet wurde, besaß sie 117 Bilder, und die meisten stammten von ausländischen Malern. Gegründet wurde die Nationalgalerie erst durch das Gesetz vom 10. April 1900, und ein Jahr später erhielt sie die Sammlung von Alexandros Soutsos, der sein Vermögen einem Museum der Malerei vermacht hatte. 1954 wurde die Soutsos-Stiftung mit der Galerie vereinigt, und sein Name ging in ihren vollen Namen ein.
Malen lernten die Griechen des 19. Jahrhunderts in München, denn Otto, der König von Griechenland, war Bayer, und fast alle griechischen Maler dieses Jahrhunderts gingen durch die Akademie der Bildenden Künste München. Die einen kehrten zurück und unterrichteten in Athen, die anderen blieben in Deutschland und malten das griechische Dorf aus dem Gedächtnis. Am Anfang dieser Liste steht ein Kreter, der nach Venedig ging, dann nach Toledo, und nie in seine Heimat zurückkehrte, am Ende ein Bild, das um 1925 im Hof eines Inselhauses in der Sommerhitze entstand.
1. Die Grablegung Christi — El Greco

Eine Ikone der Passion Christi auf Goldgrund, die der junge Domenikos Theotokopoulos in Candia gemalt hatte, wurde im Dezember 1566 geschätzt und für 70 Golddukaten verkauft. Candia, das heutige Heraklion, war die Hauptstadt Kretas, die Insel gehörte damals Venedig, und wie die Nationalgalerie in ihrem Katalog von 2014 schreibt, kostete in Venedig ein Gemälde von Tizian oder Tintoretto etwa ebenso viel. Die Ikone selbst ist verloren. Bald darauf ging der Maler nach Venedig, 1570 zog er nach Rom und von dort nach Spanien, wo man ihn El Greco nannte, den Griechen. Er starb 1614 in Toledo, kehrte nie nach Kreta zurück und signierte sein Leben lang mit griechischen Buchstaben.
Auch die Grablegung war vor dem Ankauf nie in Griechenland gewesen. Die Geschichte der Tafel hat Michalis Doulgeridis rekonstruiert, der Leiter der Restaurierungsabteilung der Galerie. Auf der Rückseite steht das Wappen der Familie Ledesma de la Fuente, die 1710 vom spanischen König den Grafentitel erhielt, später befand sich die Tafel in einer mexikanischen Sammlung und bei einem französischen Sammler des 19. Jahrhunderts, wobei Doulgeridis nicht schreibt, wann und auf welchem Weg sie den Besitzer wechselte. Im Januar 1995 wurde sie bei Christie’s in New York versteigert, bald darauf gelangte sie zum Londoner Kunsthändler Derek Johns, und um 2000 kaufte die Galerie sie nach Doulgeridis’ Angaben für 700.000 Dollar. Das Geld kam aus einer Spendensammlung in ganz Griechenland, von staatlichen Unternehmen, von der Onassis-Stiftung und aus den Mitteln der Galerie selbst.
Die Galerie datiert die Tafel auf etwa 1568 bis 1570, in die venezianische Zeit des Malers. Von der Ikonenmalerei blieben, wie das Museum schreibt, nur der hölzerne Bildträger und die Eitempera, und die Tempera mischte er mit Öl, wie es die Venezianer taten. Die Komposition setzte er aus zwei Kupferstichen zusammen, der Kreuzabnahme Parmigianinos und der Grablegung Battista Francos. Der weiße Steinsarkophag steht schräg, mit einer Ecke zum Betrachter, damit der Blick in die Tiefe geführt wird. Christus sitzt auf seinem Rand, bleich und schwer, der Kopf ist auf die Schulter gesunken, die Augen sind geschlossen, der linke Arm hängt herab, und der nackte Fuß steht auf dem Boden. Links beugt sich ein Mann in Braun, mit einem weißen Tuch auf dem Kopf, uns den Rücken zugewandt, und zieht das Leichentuch über den Rand des Grabes. Hinter dem Leichnam, zwischen den Frauen, hat die Muttergottes im graugrünen Schleier den Kopf zurückgeworfen, und das Museum schreibt, sie verliere das Bewusstsein. Vor dem Sarkophag liegen auf dem Boden die Dornenkrone und drei dunkle Nägel.
Rechts, etwas abseits von den anderen, steht ein Jüngling in feuerorangem Mantel und hält den Kopf gesenkt. Es ist der Evangelist Johannes, und er kam später als die übrigen Figuren in die Komposition. Die Restauratoren der Galerie untersuchten die Tafel im Infrarotlicht und sahen, dass der Maler den ersten Arbeitsgang abgeschlossen hatte und erst dann beschloss, Johannes hinzuzufügen. Doulgeridis merkt an, dass diese Figur in keinem der bekannten Stiche vorkommt, die El Greco benutzte.

2. Das Engelskonzert — El Greco
Das Engelskonzert war der obere Teil einer Verkündigung. 1608 erhielt El Greco den Auftrag für die Altäre der Kirche des Hospitals Tavera in Toledo, die Verkündigung war für den rechten Seitenaltar bestimmt, und als der Maler 1614 starb, waren die Bilder für das Hospital unvollendet. Vermutlich wurde die Leinwand Ende des 19. Jahrhunderts zerschnitten. Der untere Teil mit der Muttergottes und dem Erzengel Gabriel befindet sich in Madrid, in der Sammlung der Banco Santander, und nach Athen kam der Himmel darüber.
Der ungarische Sammler und Kunsthändler Marczell von Nemes gehörte zu denen, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts El Greco wiederentdeckten und in Spanien seine Bilder kauften. Er starb 1930, und im Juni 1931 wurde seine Sammlung in München versteigert. Der griechische Staat erwarb dort einen langen Leinwandstreifen mit musizierenden Engeln für 5.900.775 Drachmen, und die Galerie nennt diesen Kauf den wichtigsten in den Jahren, in denen der Schriftsteller Zacharias Papantoniou sie leitete.
Die Engel haben keine Flügel, und das Museum hebt das eigens hervor. Sie stehen und sitzen auf Wolken vor einem dunklen graugrünen Himmel, und ihre Instrumente zählt das Museum auf: Spinett, Harfe, Flöte und Viola da Gamba. Das Spinett ist offenbar fast ganz vom linken Rand abgeschnitten, sichtbar ist nur sein dunkler hölzerner Deckel, auf den der äußerste Engel in Rosaviolett die Hand gelegt hat. Daneben hält ein lockiger Engel in Gelbgrün ein aufgeschlagenes Notenbuch mit Quadratnoten, in der Mitte ragt eine hohe Harfe auf, weiter rechts führt ein Engel in Silberweiß, uns den Rücken zugewandt, die Flöte an die Lippen, und am rechten Rand blickt ein Engel in Blassblau nach oben und hält die Viola, deren heller Korpus die untere rechte Ecke füllt. Die Gewänder sind in langen Lichtbahnen gemalt, und die Farbe wechselt innerhalb einer einzigen Falte, von Rosa zu Weiß, von Grün zu Gelb. Das Museum hält die Leinwand für unvollendet. Unten zappeln in den Wolken kleine nackte Putten, und der untere Rand der Leinwand läuft mitten durch sie hindurch, dort, wo man den Streifen von der Verkündigung abgetrennt hat.
3. Episode aus dem griechischen Unabhängigkeitskrieg — Eugène Delacroix
Ein griechischer Aufständischer in weißer Fustanella galoppiert auf einem hellen, cremefarbenen Pferd, das im Sprung die Vorderbeine angezogen hat. Der Reiter trägt eine rote Mütze, um die ein gelbes Tuch gewickelt ist, die Enden des Tuchs und ein grüner Umhang mit rotem Futter flattern hinter ihm, und an den Zügeln hält er eine kleine Waffe mit silbernem Griff, vermutlich eine Pistole. Unter den Hufen, am unteren Bildrand entlang, liegt mit dem Gesicht nach unten ein getöteter Türke mit weißem Turban. Rechts schießt ein Grieche zu Fuß, uns den Rücken zugewandt, mit einer langen Flinte auf einen zerstörten Rundturm, den weißer Pulverdampf einhüllt, und daneben liegen zwei tote Pferde am Boden. Das Museum nennt das Bild antiheroisch und antiepisch und sieht im Reiter die Verkörperung eines Ideals.
Berühmt wurde Delacroix in den 1820er-Jahren mit griechischen Themen. Das Massaker von Chios stellte er im Salon von 1824 aus, Griechenland auf den Ruinen von Missolunghi malte er 1826. Der griechische Aufstand war damals eines der auffälligen Themen des Pariser Kunst- und Gesellschaftslebens. In Griechenland war Delacroix nie. Dieses Bild malte er 1856, 30 Jahre nach dem Krieg, als längst anerkannter Meister, und im selben Jahr malte er ein ähnliches, mit einem griechischen Reiter und einem Türken, der sich ergibt, das sich in den Harvard Art Museums befindet. Signatur und Datum stehen rechts unten, „Eug. Delacroix / 1856“.
1978 kam das Bild in Paris zur Versteigerung, und der griechische Staat kaufte es mit Beteiligung der Reeder Vassilis Goulandris und Stavros Niarchos. Das griechische Fernsehen ERT berichtete damals, der Preis habe bei etwa 3,7 Millionen Francs gelegen und unter den Mitbietern sei der Schauspieler Alain Delon gewesen.
4. Kanaris setzt das türkische Flaggschiff in Brand — Iwan Aiwasowski
Im Frühjahr 1822 richteten türkische Truppen auf Chios ein Massaker an, dasselbe, das Delacroix zwei Jahre später malte, und im Juni lag die türkische Flotte vor der Insel und feierte den Bayram, das Fest zum Ende des Ramadan. In der Nacht zum 19. Juni näherten sich ihr zwei griechische Brander, mit Brennstoff vollgeladene Schiffe. Konstantinos Kanaris von der Insel Psara verhakte seinen Brander mit dem Flaggschiff des Kapudan Pascha Nasuhzade Ali Pascha, des Befehlshabers der osmanischen Flotte, setzte es in Brand und entkam in einem Boot. Das Feuer erreichte die Pulverkammer, und das Schiff flog in die Luft. Nach der üblichen Zählung kamen etwa 2000 Menschen ums Leben, der Kapudan Pascha wurde tödlich verwundet und starb an Land. Kanaris wurde später Admiral, stand mehrmals an der Spitze der Regierung und starb 1877.
Aiwasowski malte diese Nacht 1881, 59 Jahre danach. 1822 war er fünf Jahre alt und lebte in Feodossija. Himmel, Meer und Felsen sind bei ihm in kaltem Blauviolett gemalt, und nur links von der Mitte lodert gelborangefarbenes Feuer. Das dreimastige Schiff mit roten Flaggen kehrt dem Betrachter das Heck zu, aus dem Bug schlägt das Feuer zusammen mit Holztrümmern, die Funken fliegen höher als die Takelage, und die obere linke Ecke ist von schwarzem Rauch verhangen. Rechts, von den Bildrändern angeschnitten, entfernt sich ein Boot mit etwa sechs Mann. Einer steht, im weißen Hemd und mit roter Schärpe, und blickt hinauf ins Feuer, und vom Brand zum Boot zieht sich eine goldene Bahn über das Wasser. Der Blickpunkt liegt tief, auf der Höhe der Ruderer.
Im Verzeichnis der Galerie ist das Bild als Schenkung des Polytechnikums eingetragen. Seit 1841 brachte man dorthin die Gemälde in Staatsbesitz, und vermutlich kam Aiwasowskis Leinwand 1900 in die Galerie, als das Polytechnikum seine Bilder dem neuen Museum übergab. Wie das Bild in das Polytechnikum selbst gelangt war, haben die Forscher nicht klären können. Als Aiwasowski 1900 in Feodossija starb, stand auf seiner Staffelei die unvollendete Explosion eines Schiffes, und darauf sprengt Kanaris wieder das türkische Flaggschiff vor Chios in die Luft.
5. Der Auszug aus Missolunghi — Theodoros Vryzakis

Den Vater von Theodoros Vryzakis, Petros, hängten die Türken 1821, im ersten Jahr des Aufstands, und die Galerie beginnt die Biografie des Malers mit der Feststellung, er sei eine Waise des Unabhängigkeitskriegs gewesen. Als Junge lebte er im Waisenhaus auf der Insel Ägina, 1832 brachte man ihn nach München, in die Schule für griechische Waisen, die der bayerische König Ludwig I. gegründet hatte, und 1844 trat er in die Münchner Akademie ein. Sein Geburtsjahr gibt die Galerie zweifach an, 1814 oder 1819. Den Krieg malte Vryzakis fast ausschließlich in Bayern, aus dem Gedächtnis, nach Stichen und nach Studien, die er 1848 bis 1851 in Griechenland angefertigt hatte.
Türkische und ägyptische Truppen belagerten Missolunghi ein ganzes Jahr lang. Im Frühjahr 1826 herrschte in der Stadt Hunger, und in der Nacht zum 23. April, am Vorabend des Palmsonntags, wagte die Besatzung zusammen mit den Einwohnern den Ausbruch. Die Türken hatten vorher von dem Plan erfahren, und viele kamen beim Verlassen der Stadt ums Leben.
Vryzakis malte den Auszug 1853 in München, auf einer hohen Leinwand mit gerundetem oberen Abschluss, und teilte sie in zwei Zonen, eine himmlische und eine irdische. Oben thront Christus auf einer Wolke und breitet weit die Arme aus, um ihn schweben Engel mit Lorbeerkränzen und Palmzweigen. Unten stürmen Kämpfer über eine Holzbrücke zum Angriff, ihr Anführer in weißer Fustanella hat einen Krummsäbel erhoben, über ihm weht eine weiße Fahne mit blauem Kreuz. Unter den Männern zielt eine junge Frau mit rotem Fes mit dem Gewehr, rechts klettert ein Mann mit einem Messer zwischen den Zähnen über die Mauer und hält eine rote Fahne, an deren Stange ein Halbmond sitzt, und unter der Brücke liegen gestürzte Frauen und Kinder, eine Mutter drückt ihren Säugling an sich. Das Museum schreibt, die Komposition entwickle sich in der Senkrechten, ohne Tiefe, und im Aufbau erinnert das Bild an eine Ikone. Nach Angaben des Museums erhielt es 1853 in Wien einen ersten Preis.
Vryzakis malte dieses Thema dreimal, und erhalten ist nur diese Leinwand. Nach Katerina Spetsieri-Beschi, die sein Werk erforscht, kaufte sie der bayerische König Ludwig I., später verließ das Bild die Münchner Sammlung, ging durch private Hände und gelangte in die griechische Botschaft in Rom, wo Spetsieri-Beschi es 1977 fand. Wann und auf welchem Weg es an die Galerie übergeben wurde, hat sich in den Akten nicht gefunden.
Die beiden anderen Fassungen verbrannten nach ihren Angaben 1929, als das Rathaus von Missolunghi in Brand gesteckt wurde. Die Komposition blieb trotzdem überliefert, weil man 1856 in Paris eine Lithografie nach dem Gemälde angefertigt hatte. Nach dem Brand malte der 23-jährige Angelos Kasolas nach dieser Lithografie eine Kopie für Missolunghi, und diese Kopie trägt man jedes Jahr als heilige Ikone des Auszugs in einer Prozession durch die Stadt.

6. Bildnis der Frau Serpieri — Nikiforos Lytras

Clémence Serpieri steht in ganzer Figur und in Lebensgröße auf einer Leinwand von fast zweieinhalb Metern Höhe. Das Bildnis von 1869 ist das prunkvollste, das Lytras gemalt hat. Sie trägt ein schulterfreies Samtkleid in dunklem Weinrot, die Schleppe fließt in die untere linke Ecke, die beleuchteten Falten des Rocks glühen hellrot, und der übrige Samt ist fast schwarz. Über die Arme ist ein schwarzer Spitzenschal gelegt, im Haar trägt sie drei Sternchen mit Steinen, um den Hals eine doppelte Perlenschnur, und in der gesenkten rechten Hand hält sie einen halb geöffneten Fächer. Links ragt eine riesige kannelierte Säule auf, wie es sich für ein Repräsentationsbildnis gehört, und auf dem Orientteppich am Saum liegt eine einzelne weiße Rose. Sie blickt den Betrachter gerade an, ruhig und ohne Lächeln.
Sie war die Frau von Giovanni Battista Serpieri, einem italienischen Hütteningenieur, der 1864 mit Teilhabern aus Marseille eine Gesellschaft gründete, um in Lavrio südlich von Athen Silber und Blei zu gewinnen. Die Gesellschaft schmolz vor allem die Schlacken der antiken Bergwerke ein zweites Mal ein. In Athen besaß Serpieri ein Stadtpalais an der Panepistimiou-Straße, und der Italiener und seine Frau mit dem französischen Vornamen gehörten zur Spitze jener neuen Athener Gesellschaft, die Lytras malte.
Nikiforos Lytras wurde 1832 in Pyrgos auf der Insel Tinos geboren, lernte an der Athener Kunstschule, ging 1860 nach München und studierte an der Akademie bei Karl von Piloty. 1865 kehrte er nach Athen zurück, unterrichtete ab 1866 Malerei an derselben Kunstschule und behielt seinen Lehrstuhl fast 40 Jahre lang, bis zu seinem Tod 1904. Die Galerie nennt ihn den Vater der neugriechischen Malerei. Zu seinen Schülern gehörten Altamouras und Jakobides, von denen weiter unten die Rede ist, und sein Sohn Nikos, ebenfalls Maler, schuf das letzte Bild dieser Liste.
Im Verzeichnis der Galerie ist das Bild als Schenkung von Ioannis V. Serpieri eingetragen, einem Mitglied der Familie. 2011 zeigte man das Porträt in einer Ausstellung unbekannter Schätze aus den Beständen der Galerie, und die Direktorin der Galerie, Marina Lambraki-Plaka, wählte es zum Hauptbild der Ausstellung. Die Zeitschrift LiFO schreibt, der vergoldete Rahmen sei im Ausland bestellt worden und so schwer, dass acht Mann nötig gewesen seien, um das Bild aufzuhängen.

7. Kaiki bei Spetses — Ioannis Altamouras
In die rechte untere Ecke dieses kleinen Bildes schrieb Ioannis Altamouras auf Griechisch Ort und Tag: Spetses, 16. Juni 1877. In der Mitte liegt ein Segelschiff mit Rahsegeln, auch wenn man auf Griechisch jedes Segelschiff, das zur Arbeit fuhr, ein Kaiki nannte. Alle Segel hängen zerknittert und schlaff herab wie bei Windstille, und nur das unterste und größte fängt warmes, cremig-ockerfarbenes Licht. Das Meer ist flach und blass, längsseits liegt ein dunkles Boot mit zwei Männern, und einer im weißen Hemd sitzt an den Riemen, hinter dem Heck treibt ein leeres Beiboot auf dem Wasser, und durch die dünne Farbschicht des Himmels scheint das Gewebe der Leinwand. Am rechten Rand, im oberen Drittel, liegt über dem Himmel ein kleines, deckend gemaltes olivockerfarbenes Rechteck, das nicht zur Darstellung gehört und wie eine spätere Retusche oder eine ausgebesserte Fehlstelle aussieht.
Altamouras wurde 1852 in Italien geboren, als Sohn des neapolitanischen Malers Francesco Saverio Altamura und der Griechin Eleni Boukoura aus einer Reederfamilie der Insel Spetses. Die Eltern trennten sich, und um 1857 nahm die Mutter die Kinder mit nach Athen. 1871 bis 1872 lernte er in der Klasse von Nikiforos Lytras, 1873 bis 1876 in Kopenhagen an der Königlichen Akademie bei dem Marinemaler Carl Frederik Sørensen, mit einem königlichen Stipendium (nach Angaben des Benaki-Museums gewährte es König Georg I., selbst ein dänischer Prinz). 1876 kam Altamouras an Tuberkulose erkrankt zurück, ließ sich auf Spetses nieder, der Heimatinsel seiner Mutter, und malte dort Schiffe. Er starb 1878 auf Spetses, mit 26 Jahren.
Seine Mutter Eleni Boukoura-Altamoura gilt als erste Griechin mit akademischer Ausbildung in der Malerei, und sie selbst wurde zu einer fast legendären Gestalt. Man erzählt, in Italien seien Frauen zum Malstudium nicht zugelassen worden, und um lernen zu können, habe sie sich die Haare abgeschnitten und sich als Mann ausgegeben. Besonders bekannt machte diese Geschichte der Roman Eleni oder Niemand von Rhea Galanaki, der 1998 erschien. In einer Ausstellung im Benaki-Museum war 2011 ihr Selbstbildnis zu sehen, in einer Kleidung, die an eine Ordenstracht erinnert, mit kurz geschnittenem Haar und Ehering. Ihre Tochter Sofia starb 1872, ihr Sohn 1878, und einer anderen Überlieferung zufolge verbrannte Eleni nach dem Tod der beiden ihre Bilder. Die Kuratorin jener Ausstellung, Eleni Kypraiou, sieht es anders und meint, Verwandte hätten die Bilder und Papiere verbrannt, als sie nach Elenis Tod im Jahr 1900 das Haus auf Spetses räumten.

8. Einholen der Netze — Konstantinos Volanakis
Marina Lambraki-Plaka, die frühere Leiterin der Nationalgalerie, erzählte der Zeitschrift LiFO, die Galerie habe dieses Bild 2002 zu einem günstigen Preis gekauft. Bilder von Volanakis kaufen gewöhnlich griechische Reeder, und die ziehen nach ihren Worten Bilder mit Schiffen vor, während Fischer in einem alten Boot sie weniger reizen.
Das Boot liegt rechts von der Mitte, schwer und abgenutzt, und erscheint als fast schwarze Silhouette, weil das Licht aus der Tiefe des Bildes kommt, vom Horizont, wo über dem Meer der Morgen dämmert. Im Boot sind fünf Männer. Ein Fischer mit nackten Armen beugt sich über das Netz, ein zweiter liegt so tief, dass nur Kopf und Rücken zu sehen sind, der einzige Stehende, mit breitkrempigem Hut, ragt mit dem Kopf knapp über die Horizontlinie, ein vierter lehnt sich über die Bordwand und zieht am Netz, und am Heck sitzt ein kleiner Mann mit Mütze hinter einem blauen Glaskrug. Von der Bordwand hängt das nasse Netz, über dem Heck ragt schräg nach oben eine Rah mit zerrissenem Segel, und eine stärkere Diagonale gibt es im Bild nicht. Links abseits liegt ein Schiff mit Rahsegeln, die Wolken sind perlgrau und cremefarben, am Horizont blassgelb. In der linken unteren Ecke steht die Signatur „C. Bolanachi München 71“, das Bild entstand also 1871 in München, fern von jedem Meer.
Volanakis wurde 1837 in Heraklion auf Kreta geboren und arbeitete als junger Mann als Buchhalter im Handelshaus seines Schwagers Georgios Afendoulis in Triest. Griechische Zeitungen erzählen, Afendoulis habe in den Geschäftsbüchern gezeichnete Schiffe entdeckt und ihm daraufhin das Studium bezahlt. 1864 trat Volanakis in die Münchner Akademie ein, bei Piloty, gewann einige Jahre später einen österreichischen Wettbewerb um ein Bild der Seeschlacht von Lissa, und dieses Bild kaufte Kaiser Franz Joseph. Die Galerie zählt das Einholen der Netze zu den ersten impressionistischen Regungen der griechischen Malerei und hält es für eines seiner freiesten Bilder. Nach Griechenland kehrte Volanakis erst 1883 zurück, ließ sich in Piräus nieder und eröffnete dort 1895 seine eigene Schule.
9. Die Kinderverlobung — Nikolaos Gyzis
Der Dorfpriester im schwarzen Priestergewand hat dem Jungen den Ring schon angesteckt und streckt, wie das Museum beschreibt, dem Mädchen die offene Hand hin, damit es seinen nimmt. Der Junge in roter Jacke und weißer Pluderhose blickt verlegen auf die Hand, die er an die Brust drückt, das Mädchen, ganz in Weiß und mit einem kleinen Käppchen, hat die Augen gesenkt und greift nach einem aufgeschlagenen Buch auf dem Tischchen. Die Kinder stehen mitten in einer niedrigen Bauernstube, und die Erwachsenen sitzen und stehen im Halbkreis um sie herum. Rechts lacht ein schnurrbärtiger Mann mit einer runden Kürbisflasche, in der nach Angaben des Museums Wein für den Trinkspruch ist. Die Männer links tauschen Blicke und grinsen, in der Tür drängen sich Frauen mit weißen Kopftüchern, und in der linken unteren Ecke beugt sich eine junge Frau in bestickter Weste über eine Wiege, in der ein Säugling schläft.
Das Museum erklärt den Brauch so: Man verlobte die Kinder früh, möglicherweise um sie vor der Knabenlese zu bewahren, bei der die osmanischen Behörden christliche Jungen holten und zu Janitscharen und Beamten erzogen.
Nikolaos Gyzis wurde 1842 im Dorf Sklavochori auf Tinos geboren, zog mit acht Jahren mit der Familie nach Athen und lernte an der Kunstschule. 1865 ging er mit einem Stipendium der Stiftung der Evangelistria, der großen Wallfahrtskirche von Tinos, nach München und studierte ab 1868 bei Piloty. 1872 kehrte Gyzis für zwei Jahre nach Griechenland zurück, und 1873 reiste er mit Nikiforos Lytras, den das Museum seinen Freund, Landsmann und Lehrer nennt, in den Orient, nach Kleinasien. 1874 ließ er sich endgültig in München nieder, wurde dort Professor an der Akademie und kehrte nie mehr nach Griechenland zurück. Die Kinderverlobung malte er 1877 in seinem Münchner Atelier, aus dem Gedächtnis und nach Skizzen von jener Reise, und wie die Galerie schreibt, gibt es zwei Fassungen des Bildes, die beide ausgezeichnet wurden.

Das Licht fällt durch ein tiefes weißes Fenster links in die Stube, und am hellsten sind im Bild das Kleid des Mädchens und die bestickte Tischdecke. In der rechten unteren Ecke hat Gyzis gestreifte, rote und goldene Stoffe, einen Kupferkessel, Zinnteller und einen roten Fes zu einem Haufen getürmt, und das Museum erklärt diesen Haufen mit dem Wunsch des Malers, die Stofflichkeit zu zeigen, vom glänzenden Kupfer bis zur Seide.
10. Siehe, der Bräutigam kommt — Nikolaos Gyzis

„Siehe, der Bräutigam kommt um Mitternacht“, singt man in den orthodoxen Kirchen in den ersten Tagen der Karwoche, und die Worte gehen auf das Gleichnis von den zehn Jungfrauen im Evangelium zurück. Nach diesem Troparion benannte Gyzis sein letztes großes Bild, an dem er 1899 bis 1900 in München arbeitete. Sein Thema ist nach Angaben des Museums die Wiederkunft Christi, wie sie die Offenbarung des Johannes beschreibt, und in einem Brief, den das Museum anführt, nennt Gyzis seinen Christus einen lieblichen Gott, der der Welt Licht, Erlösung und Trost bringe.
Die Leinwand ist quadratisch, zwei Meter hoch und ebenso breit, und alles darauf ist um eine senkrechte Achse gebaut. Zwischen zwei breiten blauschwarzen Streifen steigt ein rotorangefarbenes Feld auf, in dessen Mitte ein kleiner, fast weißer Christus mit goldenem Nimbus thront. Um ihn breiten sich in Bögen, wie ein Gewölbe, rote und orangefarbene Wolken aus, über ihm schwebt eine geflügelte Gestalt mit erhobenen Armen, zu beiden Seiten stehen Engel, und bei zweien sind deutlich Posaunen zu erkennen. Von unten führt eine breite blassblaue Treppe, von feinen goldenen Linien durchzogen, zum Thron hinauf. Die Stufen sind leer, und zu beiden Seiten drängen sich kniend kleine Figuren mit goldenen Nimben. Viele Figuren sind nur als Kontur über eine dünne Farbschicht gezogen, durch die die Leinwand scheint.
Gyzis hatte diese Komposition lange vorher geplant und erwähnt schon in einem Brief von 1894 ein Paradies, das er Siehe, der Bräutigam kommt nennt, in der Hoffnung, er werde die Kraft haben, es zu malen. 1900 wurde das Bild in München ausgestellt. Es gehörte zu einem großen religiösen Zyklus, den Gyzis nicht mehr vollenden konnte, und die untere Zone mit dem Sturz Satans hat er nach dem Forscher Spyros Petritakis nie gemalt. Gyzis starb im Januar 1901 in München. Derselbe Petritakis schreibt, der Philosoph Rudolf Steiner habe diesem Bild 1910 in München einen ganzen Vortrag gewidmet.
11. Auf der Terrasse — Iakovos Rizos
Ein Offizier sitzt auf einer Marmorterrasse im Profil auf einem dunklen Stuhl, die Beine übereinandergeschlagen, in schwarzem Waffenrock mit Stehkragen, blauer Hose mit breiten karmesinroten Lampassen und hohen Stiefeln mit Sporen. Die rechte Hand hat er mitten im Satz mit offener Handfläche erhoben, und in der gesenkten Linken hält er ein kleines rotes Buch, einen Finger zwischen den Seiten. Das Museum nennt ihn einen schönen Kavallerieoffizier. Der Kritiker Christoforos Marinos entschlüsselte 2023 für die Zeitschrift LiFO die Abzeichen an seinem Kragen, eine flammende Granate und drei Sterne, und schloss daraus auf einen Oberst der Artillerie. Das Bild entstand 1897, in dem Jahr, in dem Griechenland den Krieg gegen die Türkei binnen eines Monats verlor, und Marinos sieht darin eine Szene im Schatten dieses Krieges, in der sich ein Offizier im Jahr der Niederlage im Kreis von Damen erholt.
Bei ihm sind zwei junge Frauen. Die eine, in weißer Bluse mit Puffärmeln, stützt sich mit beiden Händen auf die Balustrade, die andere, im rosa Kleid, lehnt sich in einem Bugholzsessel zurück und hat die Füße auf einen Schemel gelegt. Marinos bemerkt, dass ihre Gesichter einander sehr ähneln, und hält es für möglich, dass Rizos nur ein Modell hatte. Rechts auf einem Tischchen mit Perlmutteinlagen stehen eine Karaffe mit Roséwein und drei Gläser, und links in der Ferne erhebt sich über den Bäumen die Akropolis, rosa im Abendlicht. Das Museum schreibt, es sei die Terrasse eines klassizistischen Hauses in der Plaka, dem alten Viertel unterhalb der Akropolis, Marinos dagegen hält die Aussicht für erfunden.
Nach Marinos lebte Rizos seit 1875 in Paris und setzte das Athen dieses Bildes aus dem Gedächtnis und nach Fotoalben zusammen. Er hatte bei Alexandre Cabanel gelernt und malte elegante Damen in Salons und Gärten. Die Signatur „Rizo 97“ steht links unten auf den Bodenfliesen. Auf der Pariser Weltausstellung 1900 erhielt das Bild eine Silbermedaille, später schenkte der Maler es der Galerie, und 2021 setzte der Louvre es auf das Plakat seiner Ausstellung Paris-Athen. Die Geburt des modernen Griechenland, 1675–1919.
12. Die Beute — Théodore Ralli

Zum ersten Mal malte Théodore Ralli dieses Thema 1885, und auf jenem Bild, das sich in Privatbesitz befindet, steht eine gefangene Griechin ergeben zwischen türkischen Soldaten und geraubtem Gut. Für den Pariser Salon von 1906 malte er die Szene neu und ließ die Soldaten weg. Das Mädchen steht allein in einer verwüsteten orthodoxen Kirche, barfuß, die Bluse bis zur Taille zerrissen, die Hände auf den Rücken gebunden, und blickt den Betrachter gerade an, mit zusammengezogenen Brauen und halb geöffnetem Mund. Auf dem Kopf trägt sie ein weißes Tuch mit einem Band aus Goldmünzen, über die Schulter fällt ein Zopf, um die Taille liegt eine breite rote Schärpe.
Ralli wurde 1852 in Konstantinopel in einer Kaufmannsfamilie geboren, die von Chios stammte, arbeitete kurz in der Familienfirma in London, ging dann nach Paris und lernte bei Jean-Léon Gérôme. Ab 1875 stellte er in jedem Salon aus, verbrachte bis 1904 die Winter in Kairo, malte Harems, Gefangene und griechische Kirchen und verkaufte dem Pariser Publikum den Orient. Er starb 1909 in Lausanne. Im Katalog des Salons begleiteten französische Verse die Beute, über eine gefesselte Griechin, die unter den Trophäen keine Träne vergieße, dem türkischen Sieger trotze und ihre Brüder rächen werde. Das Bild gehört der Stiftung des Unternehmers und Sammlers Evripidis Koutlidis, deren Sammlung die Galerie aufgrund eines langfristigen Vertrags gemeinsam mit ihrer eigenen zeigt.
Auf dem Kirchenboden ist das Kirchengerät aufgehäuft, silberne und vergoldete Kelche, Leuchter, eine Öllampe, und quer über der Altarstufe liegt ein umgestürzter vergoldeter Kandelaber. Von der Decke hängen drei leere Ketten, und Christoforos Marinos bemerkt, dass an ihnen Öllampen hingen. Unter der Ikone Johannes des Täufers lehnt ein getriebener silberner Ikonenbeschlag mit einem leeren Ausschnitt an der Stelle des Gesichts. Rechts unten ist ein Buch mit rotem Schnitt aufgeschlagen, und daneben auf dem Boden liegt eine weiße Kerze, von deren glimmender Spitze ein dünner Rauchfaden aufsteigt.

13. Kinderkonzert — Georgios Jakobides
Vier barfüßige Jungen spielen in einer Bauernstube Orchester. Einer sitzt rittlings auf einem Stuhl, uns den Rücken zugewandt, mit einem Trommelschlegel, ein rothaariger bläst, nach hinten gelehnt, in eine Messingtrompete, ein kleiner hinter ihm hat die Hände vor dem Mund zusammengelegt, und der vierte, zerlumpt, steht abseits und bläst in die lange Tülle einer Messinggießkanne, weil für ihn, wie das Museum schreibt, kein echtes Instrument übrig war. Zuhörer sind eine junge Mutter, die auf der Bank ein kleines Mädchen im roten Kleid hält, das beide Arme nach den Musikanten ausstreckt, und eine blonde ältere Schwester am Tisch. Das Museum nennt diese Stube ein bayerisches Bauernhaus.
Das Licht kommt von zwei Seiten, aus einem von Grün umrankten Fenster links und aus einem tiefen Fenster in der Mitte, und die ganze Stube ist von Orange mit blauen Schatten durchflutet. Das weiße Hemd des Jungen an der Trommel leuchtet durch und durch. Das Museum hält das Bild für eines der kühnsten von Jakobides und schreibt, hier habe er sich dem Impressionismus genähert. Dieses Thema malte er zweimal. Die frühere, kühlere Fassung wurde in den 1890er-Jahren gezeigt, unter anderem 1896 in Athen, und auf ihr hörte den Kindern, nach den Beschreibungen zu urteilen, eine Großmutter zu, die sich die Ohren zuhielt. Die leuchtende Fassung malte er für die Weltausstellung 1900 in Paris, wo das Bild eine Goldmedaille erhielt.
Jakobides wurde 1853 auf Lesbos geboren, lernte in Athen bei Nikiforos Lytras, ab 1877 an der Münchner Akademie und lebte mehr als 20 Jahre in München. 1900, im Jahr der Pariser Medaille, rief ihn die griechische Regierung nach Hause, damit er die eben gegründete Nationalgalerie aufbaue. Sein Amt hieß Ephoros, das heißt Kustos, und am 28. Juli 1900 übergaben ihm das Polytechnikum und die Universität Athen 258 Werke, mit denen die Galerie begann. Das Bild signierte er rechts unten auf den Dielen in griechischen Großbuchstaben, „Γ. ΙΑΚΩΒΙΔΗΣ“ und die Jahreszahl, doch den ersten Buchstaben des Nachnamens formte er ähnlich wie ein lateinisches J. In München schrieb er sich Jakobides.
14. Delphi — Konstantinos Maleas
Delphi malte Maleas 1922 bis 1923, und er blickt von oben auf Berge, Tal und Wasser. Links fällt diagonal ein Hang ab, graublau und violett, mit dunklen blaugrünen Rinnen, den Talgrund füllt ein einziger großer dunkelgrüner Fleck, und durch ihn schlängelt sich von der linken unteren Ecke eine dünne helle Linie hinauf, vielleicht ein Weg, vielleicht ein Flussbett. Darüber liegen zwei Streifen blassblauen Wassers und dahinter sandgelbe und rosa Berge, frontal beleuchtet, fast ohne Schatten. Am hellsten sind im Bild die fernen Berge, die nahen Hänge und das Tal dagegen sind kalt, grau und dunkelgrün. Die Farbe ist dünn und trocken aufgetragen, man sieht durch sie hindurch das Gewebe der Leinwand, und die Formen sind zu flachen Flecken mit weichen Rändern vereinfacht. Die Signatur „Κ ΜΑΛΕΑΣ“ steht links unten, in rostroten Buchstaben.
Konstantinos Maleas ließ sich zunächst in Konstantinopel, wo er 1879 geboren war, zum Architekten ausbilden, Malerei lernte er von 1901 bis 1908 in Paris, an der Kunstgewerbeschule und bei dem Neoimpressionisten Henri Martin. 1913 bis 1917 war er Stadtingenieur in Saloniki, und viele seiner Bilder verbrannten dort beim Brand von 1917. Im selben Jahr gehörte er zu den Gründern der Gruppe „Kunst“, die Nikos Lytras zusammenbrachte, um gemeinsam gegen die akademische Malerei anzutreten.
Die Galerie stellt Maleas neben den Maler Konstantinos Parthenis, unter die Begründer der griechischen Moderne. Er gehörte zu den Ersten, die die griechische Landschaft in Flächen reiner Farbe malten, ohne das braune Helldunkel der Münchner, und 1923 erhielt er einen Preis für Literatur und Kunst. 1919 veranstaltete die Gruppe „Kunst“ eine Ausstellung in Paris, die der griechische Ministerpräsident Eleftherios Venizelos eröffnete, und Maleas und Parthenis waren dort mit je etwa 30 Bildern vertreten.
15. Der Strohhut — Nikos Lytras

Das Museum spricht bei diesem Bild von einem sonnengebräunten Mädchen und fügt sofort hinzu, es handle sich nämlich um ein Mädchen. Das Kind mit kurzen dunklen Haaren und einer Strähne in der Stirn blickt den Betrachter ruhig und ohne Lächeln an, und das Gesicht könnte man für das eines Jungen halten. Es ist dunkel von der Sonne und entlang der Nasenlinie geteilt, die eine Hälfte liegt in dunkelbraunem Schatten, die andere in warmem orangefarbenem Licht. Ein breiter Hut aus olivgrünem und gelbgrünem Stroh umgibt den Kopf wie eine Scheibe, und das Mädchen trägt ein weites graublaues Hemd mit tiefem Ausschnitt und einer kleinen fliederfarbenen Schleife.
Die kalten Farben hat Lytras unten versammelt, die warmen oben. Graublau und Flieder gehen vom Hemd auf die weiß getünchte Wand dahinter über, darüber liegt ein breiter Streifen trockenen Grases, golden und orange, dessen Gelb in das Stroh des Hutes übergeht, und den oberen Teil des Bildes verdecken die weißen Würfel der Inselhäuser. Das Museum spricht von einem geschlossenen Horizont, weil Lytras weder Himmel noch Meer stehen ließ. Die Farbe ist dick aufgetragen, die Pinselstriche sind breit, und man sieht an ihnen, in welche Richtung und wie schnell der Pinsel ging. Das Museum nennt das Bild ein Ideogramm des griechischen Sommers auf einer Ägäisinsel und schreibt, es sei vielleicht Tinos, woher die Familie des Malers stammte.
Nikos Lytras, der Sohn von Nikiforos Lytras, dem Maler des Bildnisses der Frau Serpieri, wurde 1883 in Athen geboren und lernte an der Kunstschule bei seinem Vater und bei Georgios Jakobides. Ab 1907 studierte er, wie einst sein Vater, an der Münchner Akademie, erlebte dort aber bereits den deutschen Expressionismus und die Künstler des Blauen Reiters. Er kämpfte in den Balkankriegen 1912 bis 1913, rief 1917 die Gruppe „Kunst“ ins Leben, und 1923 wählte man ihn zum Professor für Malerei an der Schule der Schönen Künste, wobei er sich gegen Parthenis durchsetzte. Den Strohhut malte er um 1925. Nikos Lytras starb im Dezember 1927, mit 44 Jahren.

Was es sonst noch zu sehen gibt
Sehenswert sind außerdem von Nikiforos Lytras Die Totenklage auf Psara (1888), von Vryzakis Der Empfang Lord Byrons in Missolunghi (1861) und von Gyzis, neben den griechischen Szenen, seine Münchner Allegorien Die Kunst und ihre Geister und Frühlingssymphonie. Aus der Zeit vor den Münchnern besitzt die Galerie nachbyzantinische Ikonen, darunter die Kreuzigung von Andreas Pavias aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts. Das 20. Jahrhundert vertreten die Apotheose des Athanasios Diakos von Konstantinos Parthenis (1930–1933) und Das Atelier von Nikos Hadjikyriakos-Ghika (1960). Piet Mondrians Stammer-Mühle mit Sommerhaus wurde 2012 zusammen mit Picassos Frauenkopf aus der Galerie gestohlen, und 2021 fand man das Bild in einer Schlucht bei Keratea.

















































