Das Musée d’Orsay wurde im Dezember 1986 in einem Bahnhof eröffnet, den der Architekt Victor Laloux für die Weltausstellung von 1900 gebaut hatte. Die Sammlung des neuen Museums stellte man fast ganz aus dem zusammen, was dem Staat bereits gehörte. Die französische Kunst der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts kam aus dem Louvre hierher, aus der Galerie des Jeu de Paume, in der seit 1947 die Impressionisten gezeigt wurden, und aus dem Musée national d’art moderne. Viele Bilder hatten, bevor sie in den Louvre kamen, jahrelang im Musée du Luxembourg gehangen, in das der Staat die Werke lebender Künstler schickte.

1863 kaufte Napoleon III. im Salon die Geburt der Venus von Alexandre Cabanel, während die Jury desselben Salons Édouard Manets Frühstück im Grünen zurückwies, und das Bild wurde im Salon des Refusés gezeigt. Das Frühstück gelangte 43 Jahre später in die nationale Sammlung, als ein privater Sammler es schenkte. Was Frankreich behalten würde, entschieden zu verschiedenen Zeiten der Kaiser und das Parlament, die Konservatoren des Louvre und private Stifter, Maler, die gemeinsam Geld sammelten, und Erben, die ihre Erbschaftsteuer mit einem Bild bezahlten.

Der Kaiser und die Schwester des Malers, 1879–1881

1. Die Geburt der Venus — Alexandre Cabanel

Die Geburt der Venus
Die Geburt der VenusAlexandre Cabanel, 1863, Musée d'Orsay

Als 1870 das Zweite Kaiserreich fiel, wurde der Besitz Napoleons III., den er aus der Zivilliste, also aus dem persönlichen Budget des Kaisers, bezahlt hatte, beschlagnahmt. Der Streit darüber zog sich bis 1879 hin. Am Ende entschied man, dass die Werke aus den kaiserlichen Residenzen an den Staat fielen, und die Konservatoren des Louvre wählten daraus aus, was von „historischem oder künstlerischem Interesse“ war, wobei sie auf die Bekanntheit des Malers und des Bildes selbst achteten. Die Geburt der Venus, die der Kaiser 1863 im Salon für sich selbst gekauft hatte, behielten sie. Im staatlichen Inventar ist das Bild als beschlagnahmt und 1879 durch Gerichtsbeschluss den Nationalmuseen übergeben verzeichnet. 1881 schickte man es in das Musée du Luxembourg, 1923 in den Louvre.

Venus liegt auf dem Kamm einer kleinen Welle, die Füße nach links, den Kopf nach rechts. Den rechten Arm hat sie über das Gesicht gelegt, und unter dem Ellbogen sieht man halb geschlossene Augen, wie bei jemandem, der noch nicht ganz wach ist. Das rotgoldene Haar breitet sich entlang der Welle auf dem Wasser aus. Über ihr fliegen im Bogen fünf Amoretten, und zwei von ihnen blasen auf Muschelhörnern. Der Körper ist glatt gemalt, fast ohne Schatten, kein Pinselstrich ist darauf zu erkennen, und heller als er ist auf der Leinwand nur der weiße Schaum unter den Schultern.

Diese Glätte beurteilten die Zeitgenossen unterschiedlich. Théophile Gautier schrieb 1863, der Körper sei wie aus dem Schneeschaum der Wellen geformt. Émile Zola sah das Bild auf der Weltausstellung von 1867 und nannte die Venus eine „reizende Lorette“, also eine ausgehaltene Frau, ertränkt in einem Fluss aus Milch und gemacht aus „einer Art Mandelteig, weiß und rosa“. Der Schriftsteller Joris-Karl Huysmans taufte sie „Venus mit Sahne“.

Die Geburt der Venus
Die Geburt der VenusAlexandre Cabanel, 1863, Musée d'Orsay

2. Ein Begräbnis in Ornans — Gustave Courbet

Im Winter 1849–1850 malte der 30-jährige Gustave Courbet dieses Bild in seinem Heimatort Ornans in der Franche-Comté, auf dem Dachboden des Hauses, in dem früher seine Großeltern mütterlicherseits gewohnt hatten. Für eine solche Leinwand war der Dachboden zu eng, und Courbet arbeitete abschnittsweise und hielt den Rest der Leinwand aufgerollt. In einem Brief an seinen Freund, den Kritiker Champfleury, klagte er, er male blind und könne nicht von dem Bild zurücktreten. Die Leinwand ist fast sieben Meter lang, die Figuren darauf sind lebensgroß. In diesem Format malte man damals Historien und religiöse Szenen, hier aber begräbt ein Provinzstädtchen einen seiner Bewohner. Wer begraben wird, lässt sich auf dem Bild nicht erkennen, und die Historiker schlagen verschiedene Antworten vor, vom Großvater des Malers, der 1848 gestorben war, bis zum Begräbnis der Republik selbst.

Ein Begräbnis in Ornans
Ein Begräbnis in OrnansGustave Courbet, 1850, Musée d'Orsay

Die Bewohner von Ornans standen einer nach dem anderen Modell. Courbet zählte in einem Brief den Bürgermeister, den Pfarrer, den Friedensrichter, den Notar, seinen Vater, die Chorknaben, den Totengräber und zwei alte Revolutionäre von 1793 auf. Diese beiden stehen rechts von der Mitte in der Kleidung von vor einem halben Jahrhundert, in Kniehosen und Gamaschen, und vor ihnen steht ein weißer Hund mit dunklem Kopf. Der Totengräber im weißen Hemd hat sich am Rand der Grube auf ein Knie niedergelassen und blickt zur Seite, am Priester vorbei. Aus dem Schwarz der Kleidung heben sich nur zwei Kirchendiener in roten Gewändern und hohen roten Mützen hervor. Das Grab selbst schneidet der untere Bildrand ab, sodass der Betrachter an seinem hinteren Rand steht, und auf der aufgeworfenen Erde daneben liegen ein Schädel und Knochen.

Courbet hatte gerade eine Medaille des Salons von 1849 erhalten und stellte das Begräbnis deshalb im Salon von 1850–1851 ohne Prüfung durch die Jury aus. Die Kritiker schimpften über die hässlichen Gesichter, und ein Käufer fand sich nicht. 1864 beschrieb Courbet den Zustand des Bildes so: Der Rahmen sei zerbrochen, der Keilrahmen anderweitig verbraucht, die Leinwand aufgerollt und in schlechtem Zustand.

Nach der Kommune wurde Courbet für den Sturz der Vendôme-Säule verantwortlich erklärt und dazu verurteilt, ihren Wiederaufbau zu bezahlen. Er ging in die Schweiz und starb dort am 31. Dezember 1877. 1881 schenkte seine Schwester und Erbin Juliette das Begräbnis dem Staat, und 1882 wurde das Bild zum ersten Mal im Louvre gezeigt. Im selben Jahr 1881 verkaufte Juliette ein anderes großes Bild ihres Bruders, das Atelier des Malers, auf einer Versteigerung.

Ein Begräbnis in Ornans
Ein Begräbnis in OrnansGustave Courbet, 1850, Musée d'Orsay

Bei der Restaurierung 2025–2026 nahm man den vergilbten Firnis ab und legte die Ränder offen, die zuvor um den Keilrahmen geschlagen waren. Am unteren Rand kam ein schmaler Streifen von Courbets Malerei zum Vorschein.

Eine Witwe, Maler und ein Dichter, 1890–1891

3. Die Ährenleserinnen — Jean-François Millet

Jeanne-Alexandrine Pommery, die Witwe, die das Champagnerhaus Pommery in Reims leitete, wollte für den Louvre Millets Angelus kaufen, und das gelang ihr nicht. Am 3. Oktober 1889 leitete ihr Mittelsmann, der Reimser Mäzen Louis Guillotin, einen Brief weiter, in dem es hieß, sie habe stattdessen die Ährenleserinnen erworben. Dem Besitzer des Bildes, Bischoffsheim, zahlte sie 300.000 Francs und bestimmte es sofort als Geschenk für den Staat.

Die Ährenleserinnen
Die ÄhrenleserinnenJean-François Millet, 1857, Musée d'Orsay

Millet, Sohn normannischer Bauern, lebte seit 1849 in Barbizon, einem Dorf am Wald von Fontainebleau, und malte dort die Arbeit der Bauern. Auf dem Bild lesen drei Frauen auf einem abgeernteten Feld Ähren auf. Zwei haben sich so tief gebückt, dass ihre Köpfe tiefer liegen als die Rücken, die dritte richtet sich mit einem Büschel Ähren in der Hand auf, und von links nach rechts liest man eine einzige Bewegung: sich strecken, aufsammeln, sich aufrichten. Die Sonne steht tief links, die Schatten fallen nach rechts, die Gesichter liegen im Schatten. In der Ferne, im goldenen Dunst, stehen riesige Schober, ein Wagen und Schnitter, und rechts bei den Gebäuden sitzt ein winziger Reiter auf seinem Pferd, der Aufseher. Das Ährenlesen nach der Ernte war ein altes Recht der Armen, örtliche Vorschriften schränkten es ein, und der Aufseher achtete darauf, dass man sie einhielt.

Im Salon von 1857 nannte der konservative Kritiker Paul de Saint-Victor die drei Frauen „die drei Parzen der Armut“, der Liberale Edmond About dagegen lobte die strenge Schlichtheit des Bildes. Nach dem Salon wurde es für 2000 oder 3000 Francs verkauft, die Quellen nennen beide Summen.

Madame Pommery schenkte das Bild dem Staat und behielt sich das lebenslange Nutzungsrecht vor. Die Konservatoren des Louvre nahmen die Schenkung am 30. Januar 1890 an, das Dekret wurde am 15. März unterzeichnet, und am 18. März starb Madame Pommery.

4. Olympia — Édouard Manet

Olympia
OlympiaÉdouard Manet, 1863, Musée d'Orsay

Eine Frau liegt auf zwei großen weißen Kissen und blickt den Betrachter direkt an, ruhig und ohne Ausdruck. An Kleidung trägt sie ein schwarzes Halsband mit einem Perlenanhänger, einen goldenen Armreif, eine rosa Blume im Haar und Pantoletten. Die linke Hand hat sie fest auf den Oberschenkel gedrückt. Eine dunkelhäutige Dienerin reicht ihr einen Blumenstrauß in weißem Papier, doch die Herrin sieht die Blumen nicht an. Am Fußende des Bettes steht eine kleine schwarze Katze mit gekrümmtem Rücken und erhobenem Schwanz, und vor der dunklen Wand ist sie kaum zu erkennen, sichtbar sind nur zwei gelbe Augen. Das Licht fällt von vorn und flach auf den Körper, Schatten gibt es darauf fast keine, und die Form wird vom Umriss gehalten.

Für die Frau posierte Victorine Meurent, Manets ständiges Modell, die später selbst Malerin wurde und im Salon ausstellte. Sie sitzt auch im Frühstück im Grünen. Die Dienerin hieß, wie die Kunsthistorikerin Denise Murrell herausfand, Laure und wohnte unweit von Manet im Viertel Batignolles.

Manet malte die Olympia 1863 und stellte sie im Salon von 1865 aus. Die Zeitung Le Siècle schrieb von einer Frau, die „mindestens zwei Tage auf einem Tisch im Leichenschauhaus gelegen“ habe und deren „Bauch grün zu werden beginnt“. Einen Monat später hängte die Verwaltung das Bild höher, über die Türen, wo es schwerer zu sehen war. Es blieb unverkauft und ging nach Manets Tod 1883 an seine Witwe Suzanne über.

Olympia
OlympiaÉdouard Manet, 1863, Musée d'Orsay
Whistlers Mutter
Whistlers MutterJames McNeill Whistler, 1871, Musée d'Orsay

Im Juli 1889 rief der Maler Claude Monet zusammen mit dem Schriftsteller Octave Mirbeau eine Subskription ins Leben, um die Olympia der Witwe abzukaufen und dem Staat zu schenken. Edgar Degas gab 100 Francs, der Bildhauer Auguste Rodin 25 und erklärte in einem Brief, er wolle seinen Namen auf der Liste sehen. Zola, der Manet schon in den 1860er-Jahren in der Presse verteidigt hatte, weigerte sich, sich in die Liste einzutragen. Am 7. Februar 1890 bot Monet das Bild im Namen der Subskribenten dem Minister für öffentlichen Unterricht, Armand Fallières, an. Insgesamt kamen 19.415 Francs zusammen. Der Staat nahm das Geschenk für das Musée du Luxembourg an, obwohl die Subskribenten den Louvre angestrebt hatten. 1907 ordnete Georges Clemenceau, Monets Freund, der inzwischen Ministerpräsident geworden war, an, die Olympia in den Louvre zu bringen.

5. Arrangement in Grau und Schwarz Nr. 1 (Die Mutter des Künstlers) — James McNeill Whistler

Bevor Frankreich das Bild kaufte, hatte James Whistler, ein Amerikaner, der in Paris Malerei studiert hatte und in London lebte, es mehrmals verpfändet. 1878 gewann er einen Verleumdungsprozess gegen den Kritiker John Ruskin, bekam laut Urteil einen Farthing zugesprochen und ruinierte sich an den Gerichtskosten. 1878–1879 lag das Bildnis der Mutter als Pfand bei der Londoner Firma Graves, die mit Druckgrafik handelte, beim Bankrott wurde es auf 500 Pfund geschätzt, und Whistler löste es in Raten aus. 1886 verpfändete er das Bild erneut, diesmal an den Theaterunternehmer Richard D’Oyly Carte, für dieselben 500 Pfund.

Gemalt hatte er es 1871 in Chelsea. Ein Modell war nicht erschienen, und Whistler bat seine Mutter, Anna Whistler, die über 60 war, ihm Modell zu stehen. Zuerst posierte sie stehend, wurde aber müde, und der Sohn ließ sie sich setzen. Die Mutter sitzt rechts in strengem Profil, das Gesicht nach links gewandt. Das schwarze Kleid ist als eine einzige flache dunkle Masse von der Schulter bis zum Boden gemalt und wirkt wie eine Silhouette. Warme Farbe gibt es nur in Gesicht und Händen. Auf dem Kopf trägt sie eine weiße Spitzenhaube mit langen Bändern, in den gefalteten Händen ein weißes Taschentuch, die Füße stehen auf einem niedrigen Schemel. An der grauen Wand hängt in schwarzem Rahmen mit breitem weißem Passepartout eine Radierung von Whistler selbst mit Lagerhäusern an der Themse, und auf dem dunklen Vorhang links ist zwischen kleinen Blüten kaum sichtbar seine Signatur zu erkennen, ein Schmetterling im Kreis.

Den Titel wählte Whistler so, dass die Farben an erster Stelle standen. Den Untertitel „Bildnis der Mutter des Künstlers“ trug das Bild schon bei seiner ersten Ausstellung, 1872 in der Londoner Royal Academy.

1891 wurde das Bildnis in Paris in der Galerie Goupil gezeigt. Um den Ankauf bemühten sich der Dichter Stéphane Mallarmé, die Kritiker Théodore Duret und Roger Marx und der Politiker Georges Clemenceau. Den Preis setzte man absichtlich niedrig an, damit der Staat zustimmte, und am 30. November 1891 kaufte er das Bild für 4000 Francs und verzeichnete es als „Bildnis einer älteren Dame“. Mallarmé schrieb, das Musée du Luxembourg sei für das Bild nur ein Vorzimmer zum Louvre. Anfang 1892 erhielt Whistler den Orden der Ehrenlegion.

Whistlers Mutter
Whistlers MutterJames McNeill Whistler, 1871, Musée d'Orsay

1934 gab die Post der Vereinigten Staaten zum Muttertag eine Briefmarke mit diesem Bild heraus, beschnitt dabei die Komposition und fügte eine Vase mit Blumen hinzu.

Caillebottes Vermächtnis, 1894–1896

6. Ball im Moulin de la Galette — Pierre-Auguste Renoir

Der Journalist Georges Rivière, ein Freund Renoirs, ist auf diesem Bild in der Runde am Tisch zu sehen und schrieb später selbst darüber. Nach seinen Erinnerungen von 1921 mietete Renoir im Sommer 1876 ein altes Häuschen in der Rue Cortot auf dem Montmartre, nahe beim Moulin de la Galette, einem Tanzgarten bei den alten Windmühlen, und wohnte dort die ganze Zeit, während er an dem Bild arbeitete. Modell standen seine Freunde, Maler und Literaten, und Mädchen vom Montmartre. Am Tisch nennt Rivière sich selbst, die Maler Franc-Lamy und Norbert Goeneutte und zwei Schwestern, Jeanne und Estelle. Das Mädchen im gestreiften Kleid auf der Bank hält man gewöhnlich für Estelle. Im Frühjahr 1877 wurde das Bild auf der dritten Impressionistenausstellung gezeigt, und Rivière schrieb in seiner kleinen Zeitung L’Impressionniste, es sei „eine Seite Geschichte, ein kostbares Denkmal des Pariser Lebens, mit vollkommener Genauigkeit ausgeführt“.

Das Licht fällt durch das Laub und legt sich in blassen blauen und gelben Flecken auf den Boden, auf die Strohhüte, auf die Rücken der dunklen Jacketts. Die Schatten malte Renoir blau. Die Gesichter im Vordergrund sind weich und warm, weiter hinten löst sich die Menge in Pinselstriche und wippende Hüte auf. In der linken unteren Ecke schneidet der Rahmen das Gesicht einer jungen Frau und eines blonden Kindes an, wie auf einem Schnappschuss.

Ball im Moulin de la Galette
Ball im Moulin de la GalettePierre-Auguste Renoir, 1876, Musée d'Orsay

Gekauft hat das Bild Gustave Caillebotte, ein Maler aus reicher Familie, der die Werke seiner Freunde kaufte und ihre Ausstellungen bezahlte. Nach Angaben des Museums erwarb er es zwischen 1877 und April 1879. Caillebotte starb am 21. Februar 1894 und vermachte seine Sammlung dem Staat mit der Auflage, dass die Bilder ins Musée du Luxembourg und danach in den Louvre kämen. Zum Testamentsvollstrecker bestimmte er Renoir. Der Staat nahm nur einen Teil der Sammlung an, die Bilder wurden 1896 übergeben, und ab 1897 zeigte man sie in einem Anbau des Musée du Luxembourg.

Eine zweite Fassung des Balls, kleiner und freier gemalt, blieb in Privatbesitz. 1990 kaufte sie der japanische Unternehmer Ryōei Saitō bei Sotheby’s in New York für 78,1 Millionen Dollar.

7. Der Bahnhof Saint-Lazare — Claude Monet

Der Bahnhof Saint-Lazare
Der Bahnhof Saint-LazareClaude Monet, 1877, Musée d'Orsay

Renoirs Sohn, der Filmregisseur Jean Renoir, gab in seinem Buch über den Vater von 1962 dessen Erzählung über Monet wieder, aufgeschrieben viele Jahrzehnte nach den Ereignissen, und man sollte sie als Familienüberlieferung nehmen. Monet, der kein Geld hatte, zog seinen besten Anzug und Manschetten mit Spitzen an, nahm einen Stock mit goldenem Knauf und erschien beim Direktor der Westbahngesellschaft. Der Direktor empfing den Maler mit solcher Ehrerbietung, dass er Züge zurückhalten, Bahnsteige räumen und die Feuerungen der Lokomotiven mit Kohle vollstopfen ließ, damit sie so dicht wie möglich qualmten.

Aus den Dokumenten weiß man, dass Monet im Januar 1877 von der Westbahngesellschaft die Erlaubnis erhielt, im Bahnhof Saint-Lazare zu arbeiten, von dem die Züge in die Normandie und nach Argenteuil fuhren, wo er damals wohnte. In den ersten Monaten des Jahres 1877 malte er dort etwa ein Dutzend Bilder. Nach Angaben des Art Institute of Chicago bezahlte Caillebotte für ihn die Miete einer kleinen Wohnung ganz in der Nähe, in der Rue Moncey.

Man blickt von innen, unter dem Bahnhofsdach hervor. Zwei schwere, schräge Dachflächen laufen in der Mitte zu einem hohen Dreieck zusammen, und darin stehen Tageslicht und eine Säule blauen Dampfes, fast genau im Zentrum. Unten steht eine schwarze Lokomotive frontal zum Betrachter, halb von weißem Rauch verdeckt. Das Sonnenlicht fällt zwischen den Schatten des Dachs auf die Schienen, und Monet gab es mit gelben, ockerfarbenen und violetten Flecken wieder. Eisen, Dampf und Himmel sind mit den gleichen kurzen Pinselstrichen gemalt.

Der Bahnhof Saint-Lazare
Der Bahnhof Saint-LazareClaude Monet, 1877, Musée d'Orsay

Am 10. März 1878 kaufte Caillebotte Monet dieses Bild für 685 Francs ab, und 1896 kam es zusammen mit den Bildern aus seinem Vermächtnis ins Musée du Luxembourg.

Émile Zola schrieb 1877 über Monets Bahnhöfe, man höre darin das Donnern der Züge und sehe die Rauchwolken unter den riesigen Hallendächern. 1890 machte er den Bahnhof Saint-Lazare zu einem der Schauplätze seines Romans Das Tier im Menschen.

8. Die Parkettschleifer — Gustave Caillebotte

Die Parkettschleifer
Die ParkettschleiferGustave Caillebotte, 1875, Musée d'Orsay

Die Jury des Salons von 1875 wies das Bild des damals 26-jährigen Gustave Caillebotte zurück. Gewöhnlich nimmt man an, die Jury habe das Sujet vulgär gefunden, halbnackte Arbeiter bei ihrem Handwerk. Caillebotte stammte aus einer reichen Familie, hatte beim Salonmaler Léon Bonnat gelernt und war 1873 in die École des Beaux-Arts eingetreten, und so war das Bild für ein gewöhnliches Debüt im Salon gedacht. Nach der Ablehnung schloss er sich den Impressionisten an, zeigte die Parkettschleifer auf ihrer zweiten Ausstellung im April 1876 und wurde einer der wichtigsten Käufer und Förderer der Gruppe. Zola sah die Parkettschleifer 1876 und erkannte ihre Qualitäten an, nannte diese Malerei jedoch wegen ihrer übertriebenen Genauigkeit „bürgerlich“.

Caillebottes Testament betraf die Bilder seiner Freunde. Dieses Bild schenkten 1894 seine Erben gesondert dem Staat, gemeinsam mit Renoir als Testamentsvollstrecker, und 1896 kam es ins Musée du Luxembourg.

Der Boden ist von oben gesehen, als stünde der Betrachter über den Arbeitern, und steigt steil zur hinteren Wand an, sodass von der Wand oben nur ein schmaler Streifen bleibt. Drei Männer mit nacktem Oberkörper knien und schaben den alten Lack vom Parkett. Links und vorn sind die Dielen schon hell, fast rohes Holz, rechts noch dunkel, und über die dunklen Dielen ziehen sich lange helle Streifen, die Spiegelungen des Fensters. Um die Hände liegen gelockte Späne, am rechten Rand stehen eine Flasche Wein und ein halb ausgetrunkenes Glas. Die beiden rechts haben die Köpfe einander zugeneigt, und es scheint, als unterhielten sie sich.

Die Parkettschleifer
Die ParkettschleiferGustave Caillebotte, 1875, Musée d'Orsay

Die Sammler, 1906–1911

9. Das Frühstück im Grünen — Édouard Manet

Der Maler und Sammler Étienne Moreau-Nélaton schenkte dem Staat im Juli 1906 etwa 100 seiner Gemälde und dazu etwa 20 Aquarelle, Pastelle und Zeichnungen. Darunter waren Monets Mohnfeld, etwa 40 Werke von Corot und Manets Frühstück im Grünen, das 1900 vom Händler Durand-Ruel in seinen Besitz gekommen war. Später ergänzte er die Schenkung um zwei weitere Partien, 1907 und 1919, mit Auflagen, die das Museum verpflichteten, sie auszustellen. Die Sammlung wurde dem Louvre zugeordnet, von 1907 bis 1934 zeigte man sie jedoch im Musée des Arts Décoratifs, im Pavillon de Marsan, einem Flügel des Louvre-Palastes, und in die Säle des Louvre selbst kam das Frühstück erst 1934.

Im Salon des Refusés von 1863 hatte man das Bild unter dem Titel Das Bad gezeigt, man lachte darüber, und ein Käufer fand sich nicht. 1871 schätzte Manet es auf 25.000 Francs, und 1878 verkaufte er es für 2600 an den Opernbariton Jean-Baptiste Faure, der seine Bilder sammelte.

Das Frühstück im Grünen
Das Frühstück im GrünenÉdouard Manet, 1863, Musée d'Orsay

Eine nackte Frau sitzt seitlich, das Kinn auf die Hand gestützt, und hat das Gesicht direkt dem Betrachter zugewandt. Ihr Körper ist hell und flach, fast kreidig neben den dunklen Gehröcken der Männer. Die Männer blicken an ihr vorbei, und der rechte, mit einer weichen Mütze mit Quaste, sagt etwas und streckt die Hand mit der Handfläche nach oben aus. Am schärfsten gemalt ist das Stillleben links unten: ein blaues Kleid, ein Strohhut, ein umgekippter Korb, aus dem Früchte herausgefallen sind, ein rundes Brot und eine silberne Flasche. Die Frau im Bach im Mittelgrund ist für ihre Entfernung zu groß und scheint über den drei Figuren des Vordergrunds zu schweben, und oben zwischen den Zweigen fliegt ein Gimpel.

Modell saß Victorine Meurent, dieselbe wie für die Olympia. Die Männer malte Manet nach Ferdinand Leenhoff, einem Bildhauer und Bruder seiner Frau, und nach einem seiner eigenen Brüder, Eugène oder Gustave, und wer wer ist, darüber streiten die Forscher. Die Komposition baute er nach dem Ländlichen Konzert aus dem Louvre, das man damals Giorgione zuschrieb und heute Tizian, und nach einem Stich von Marcantonio Raimondi nach Raffaels Urteil des Paris.

Moreau-Nélaton wurde später Manets Biograf, und sein Buch Manet, von ihm selbst erzählt erschien 1926.

10. Der Angelus — Jean-François Millet

Am 1. Juli 1889 wurde in Paris die Sammlung von Eugène Secrétan versteigert, einem Industriellen, der im Frühjahr desselben Jahres beim Einbruch der Kupferpreise ruiniert worden war. Die Auktion legte man in die Zeit der Weltausstellung, und den Katalog druckte man auf Französisch und Englisch, um Amerikaner anzulocken. Um den Angelus stritten Antonin Proust, ein Freund Manets und ehemaliger Minister der schönen Künste, der im Namen einer Gruppe von Kunstfreunden für den Louvre bot, und James Sutton von der American Art Association in New York. Das Bild ging für 553.000 Francs an Proust, und der Saal rief „Es lebe Frankreich!“.

Der Angelus
Der AngelusJean-François Millet, 1858, Musée d'Orsay

Das Geld für den Kauf sollte das Parlament bewilligen. Der Abgeordnete Édouard Lockroy warnte, andernfalls werde man das Bild mit einem Schild „Von der französischen Kammer abgelehnt“ durch Amerika schicken, und Jacques Salis hielt dagegen, 553.000 Francs seien für die Republik zu viel. Der Gesetzentwurf wurde nicht mehr rechtzeitig an den Senat weitergeleitet und Mitte Juli zurückgezogen. Proust überließ das Bild den Amerikanern, und 1889–1890 wurde es in den USA gezeigt. 1890 kaufte Alfred Chauchard, der Gründer des Pariser Kaufhauses Grands Magasins du Louvre, es zurück und holte es nach Frankreich, wofür er verschiedenen Angaben zufolge 750.000 bis 800.000 Francs zahlte. Chauchard starb 1909 und vermachte dem Louvre seine Sammlung, mehr als 100 Gemälde und Bronzen, fast ausschließlich französische, und am 15. Januar 1910 wurde das Vermächtnis per Dekret bestätigt.

Millet, der im Januar 1875 starb, erinnerte sich, die Idee zu dem Bild stamme aus seiner Kindheit. Wenn seine Großmutter auf dem Feld die Kirchenglocke hörte, unterbrach sie jedes Mal die Arbeit und ließ alle für die armen Toten den „Engel des Herrn“ beten, das Gebet, das Katholiken beim Glockenläuten morgens, mittags und abends sprechen. Auf dem Bild ist die Sonne schon untergegangen. Ein Mann und eine Frau stehen mit gesenkten Köpfen auf einem Kartoffelacker. Die Frau hat die Hände unter dem Kinn gefaltet, der Mann hält seine Mütze vor der Brust. Zwischen ihnen steht auf dem Boden ein Korb mit Kartoffeln, links steckt eine Forke in der Erde, rechts steht eine Schubkarre mit Säcken, und am Horizont, rechts vom Kopf der Frau, ist kaum sichtbar ein Kirchturm zu erkennen.

Am 11. August 1932 zerschnitt der Ingenieur Pierre Guillard das Bild im Louvre mit einem Taschenmesser. Die Restauratoren versprachen damals, die Schäden unsichtbar zu machen, bis auf den Riss im Himmel.

Der Angelus
Der AngelusJean-François Millet, 1858, Musée d'Orsay
Absinth
AbsinthEdgar Degas, 1875, Musée d'Orsay

Salvador Dalí war überzeugt, Millet habe unter dem Korb zuerst einen Kindersarg gemalt, und keine Veröffentlichung eines Museums oder Labors hat das bestätigt. Auf Dalís Bitte machte das Labor des Louvre eine Röntgenaufnahme, auf der unter dem Korb eine übermalte dunkle, längliche Form zu sehen ist, und Dalí druckte sie in seinem Buch Der tragische Mythos von Millets Angelus ab, das 1963 erschien.

11. Im Café (Absinth) — Edgar Degas

Die Schauspielerin Ellen Andrée und der Maler und Radierer Marcellin Desboutin, Stammgast im Café de la Nouvelle Athènes an der Place Pigalle, wo sich um 1876 die Impressionisten trafen, waren mit Degas befreundet und standen ihm in seinem Atelier Modell. Degas setzte sie an einen Tisch in diesem Café und baute die Szene so auf, dass sie wie zufällig beobachtet wirkte.

Drei grauweiße Marmortischplatten ohne Beine laufen im Zickzack aus der linken unteren Ecke, und der leere Marmor nimmt den ganzen linken und unteren Teil des Bildes ein. Die beiden sitzen in der rechten oberen Ecke. Die Frau in hellem Kleid und kleinem Hut lässt die Schultern hängen und blickt nach unten und zur Seite. Vor ihr steht ein Glas mit trüber, gelbgrüner Flüssigkeit, Absinth, näher am Tisch des Mannes als an ihrem eigenen. Der Mann in Schwarz, mit Pfeife, blickt nach rechts aus dem Bild hinaus, und der rechte Bildrand schneidet seine Hand und die Pfeife ab. Im Spiegel hinter ihnen erscheinen nur dunkle, verschwommene Hinterköpfe.

Degas selbst nannte das Bild Im Café. 1876 kaufte es Captain Henry Hill aus Brighton über einen Londoner Händler und stellte es dort als Skizze in einem französischen Café aus, und große Beachtung fand es damals nicht. Am 19. Februar 1892, als Hills Sammlung bei Christie’s versteigert wurde, empfing der Saal das Bild mit Zischen. 1893 wurde es in der Londoner Grafton Gallery ausgestellt, zum ersten Mal unter dem Titel Absinth, und in den Zeitungen brach ein Sturm los. Der Maler Walter Crane nannte es eine „Studie der menschlichen Verkommenheit, männlicher und weiblicher“. Andrée und Desboutin hielt das Publikum für echte Trinker.

Im selben Jahr 1893 kaufte Graf Isaac de Camondo, Bankier und Sammler, das Bild in Paris, und 1911 kam es nach seinem Testament zusammen mit seinen Werken von Degas, Monet und Cézanne in den Louvre.

Absinth
AbsinthEdgar Degas, 1875, Musée d'Orsay

12. Die Kartenspieler — Paul Cézanne

Zwei Männer sitzen einander an einem kleinen Tisch gegenüber und blicken in ihre Karten. Zwischen ihnen steht eine dunkle Weinflasche mit einem einzigen weißen Glanzstreifen, und sie teilt die Leinwand fast genau in zwei Hälften. Der linke, mit einer kurzen weißen Tonpfeife zwischen den Zähnen, ist dunkel, aufrecht und gesammelt und hält die Karten vor der Brust. Der rechte, in heller Jacke, ist länger und schwerer, beugt sich tief über den Tisch, und der rechte Rand der Leinwand schneidet ihn ab. Das Tischtuch hängt an der Vorderkante des Tisches in einer flachen Falte herab, und der Hintergrund über den Köpfen zerfließt in Flecken von Oliv, Grün und Violett.

Anfang und Mitte der 1890er-Jahre malte Paul Cézanne, der schon über 50 war und vor allem in seiner Heimatstadt Aix-en-Provence arbeitete, fünf Bilder mit Kartenspielern. Auf zweien sitzen mehrere Personen am Tisch, sie befinden sich heute im Metropolitan Museum und in der Barnes Foundation, auf den drei übrigen sind es zwei Spieler. Die Fassung im Orsay ist die kleinste dieser drei, und lange hielt man sie für die letzte der Serie, obwohl technische Untersuchungen von 2010 diese Reihenfolge in Frage stellten.

Die Kartenspieler
Die KartenspielerPaul Cézanne, 1890, Musée d'Orsay

Der erste Besitzer des Bildes war der Händler Ambroise Vollard, der Cézanne 1895 die erste Einzelausstellung ausgerichtet hatte. Am 4. Mai 1907 kaufte es Graf Isaac de Camondo, und 1911 ging es mit seinem Vermächtnis an den Louvre.

1961 lieh der Louvre das Bild für eine Cézanne-Ausstellung im Pavillon de Vendôme in Aix-en-Provence aus. In der Nacht vom 12. auf den 13. August wurden dort acht Bilder von Cézanne gestohlen, und die Kartenspieler waren darunter. Wache hielt ein einziger Gendarm, unten im Erdgeschoss, und die Alarmanlage sprang nicht an. Am 10. November, während man die Bilder noch suchte, gab die französische Post eine Briefmarke mit Cézannes Kartenspielern heraus. Die Bilder wurden am 11. April 1962 nach einem anonymen Anruf bei der Polizei in einem gestohlenen Peugeot 404 gefunden, der in Marseille abgestellt war.

Modell saßen Cézanne Arbeiter vom Familiengut Jas de Bouffan bei Aix. Einer der Spieler hieß nach Cézannes Werkverzeichnis Paulin Paulet und bekam fünf Francs pro Sitzung.

Zwischen den Kriegen, 1920–1936

13. Das Atelier des Malers — Gustave Courbet

Das Atelier des Malers
Das Atelier des MalersGustave Courbet, 1855, Musée d'Orsay

Juliette Courbet, dieselbe Schwester, die 1881 dem Staat das Begräbnis in Ornans geschenkt hatte, verkaufte am 9. Dezember desselben Jahres das Atelier des Malers bei einer Versteigerung im Hôtel Drouot für 21.000 Francs an die Galerie Haro. Danach kaufte es der Pariser Sammler Victor Desfossés. Nach seinem Tod erwarb seine Witwe es bei der Nachlassversteigerung zurück, und bis 1919 hing die fast sechs Meter breite Leinwand als Bühnenhintergrund des Liebhabertheaters in Desfossés’ Stadtpalais in der Rue Galilée. Am 13. Februar 1920 wurde das Bild mit dem Geld einer öffentlichen Subskription und der Gesellschaft der Freunde des Louvre für den Louvre gekauft. Meist nennt man einen Preis von 700.000 Francs.

Courbet malte es im Winter 1854–1855 in Ornans für die Weltausstellung in Paris und gab ihm den Untertitel „Reale Allegorie, die einen Abschnitt von sieben Jahren meines künstlerischen und moralischen Lebens bestimmt“. Die sieben Jahre zählte er von der Revolution von 1848 an.

In der Mitte sitzt Courbet selbst und malt eine Landschaft, und diese Landschaft auf der Staffelei ist die hellste und blaueste Stelle des ganzen Bildes. Hinter seiner Schulter steht eine nackte Frau, sein Modell, und drückt ein weißes Laken an die Brust, und ihr Kleid liegt als rosa-weißer Haufen auf dem Boden. Am Knie des Malers sieht ein Junge in Holzschuhen auf die Leinwand, unten spielt eine weiße Katze. Links stellte Courbet, nach seinen Worten in einem Brief an Champfleury, „die andere Welt des alltäglichen Lebens, das Volk, das Elend, den Reichtum, die Ausgebeuteten, die Ausbeuter“ dar, rechts die „Aktionäre“, also Freunde und Kunstliebhaber. Am rechten Rand sitzt Charles Baudelaire über einem Buch. Neben ihm übermalte Courbet auf Bitten des Dichters dessen Freundin Jeanne Duval, und mit der Zeit, als die Farbe durchsichtiger wurde, begann ihre Silhouette durchzuscheinen.

Das Atelier des Malers
Das Atelier des MalersGustave Courbet, 1855, Musée d'Orsay
Frauen im Garten
Frauen im GartenClaude Monet, 1866, Musée d'Orsay

Die Jury der Ausstellung von 1855 nahm 11 Werke Courbets an, dieses Bild und das Begräbnis in Ornans aber lehnte sie ab. Courbet baute neben der Ausstellung einen eigenen Pavillon, nannte ihn Pavillon des Realismus und hängte das Atelier als Nummer eins auf. Eugène Delacroix ging allein hin, blieb fast eine Stunde und notierte in seinem Tagebuch: „Ich entdecke ein Meisterwerk in seinem abgelehnten Bild, ich konnte mich von diesem Anblick nicht losreißen.“

14. Frauen im Garten — Claude Monet

Im Frühjahr 1866 begann Claude Monet im Garten des Hauses, das er in Ville-d’Avray bei Paris gemietet hatte, ein Bild von mehr als zweieinhalb Metern Höhe und malte es zum Teil direkt unter freiem Himmel. Um an den oberen Teil heranzukommen, ohne den Standpunkt zu wechseln, hob er im Garten einen Graben aus und ließ die Leinwand hinein. Monet war 25 Jahre alt und hatte kein Geld.

Für die drei Frauen links stand seine Freundin Camille Doncieux Modell, seine spätere Frau. Vier Frauen in Krinolinen stehen und sitzen unter einem Dach aus Laub, und ein dünnes, gegabeltes Bäumchen teilt das Bild in zwei Hälften. Der weiße Rock der Sitzenden in der Mitte breitet sich in einem riesigen Kreis über das Gras aus, mit schwarzer Borte besetzt, und die Sonne schneidet ihn schräg durch. Im Schatten schimmern die weißen Kleider kühl bläulich. Die rothaarige Frau rechts streckt sich nach einem Zweig und scheint ihm entgegenzugleiten, ohne den Boden recht zu berühren. Bei der Restaurierung 2020–2021 stellte sich heraus, dass Monet die Frau im gestreiften Kleid links später hinzugefügt und seine Signatur aus der Mitte in die rechte untere Ecke versetzt hatte.

Die Jury des Salons von 1867 wies das Bild zurück. Monets Freund, der Maler Frédéric Bazille, kaufte es für 2500 Francs, zahlbar in Raten von 50 Francs im Monat, um Monet zu helfen, während Camille ein Kind erwartete. Bazille fiel 1870 im Deutsch-Französischen Krieg bei Beaune-la-Rolande, und das Bild erbte sein Vater. Nach einer Version, die der Verfasser des Monet-Werkverzeichnisses, Daniel Wildenstein, wiedergibt, tauschte Bazilles Vater es 1876 bei Manet gegen ein Bildnis seines Sohnes von Renoir, und Manet gab das Bild Monet im Tausch gegen eines seiner Werke zurück.

Danach blieben die Frauen im Garten 45 Jahre bei Monet, in Argenteuil und später in Giverny. 1921 kaufte der Staat das Bild vom Maler für 200.000 Francs für das Musée du Luxembourg. In denselben Jahren verhandelte Monet mit dem Staat über die Schenkung der Seerosen, und die Schenkungsurkunde über 19 Tafeln wurde am 12. April 1922 unterzeichnet.

Frauen im Garten
Frauen im GartenClaude Monet, 1866, Musée d'Orsay

15. Tahitianische Frauen am Strand — Paul Gauguin

Tahitianische Frauen am Strand
Tahitianische Frauen am StrandPaul Gauguin, 1891, Musée d'Orsay

Paul Gauguin schenkte dieses Bild auf Tahiti einem gewissen Kapitän Arnaud. Die Tochter des Kapitäns, Madame Wilmot, hatte es bis 1920 in Papeete bei sich, sodass das Bild etwa 30 Jahre auf der Insel verbrachte. Danach ging es an den Vicomte Guy de Cholet, und 1923 schenkte seine Schwester, die Comtesse Vitali, es dem Staat zum Andenken an ihren Bruder.

Im Juni 1891 kam Gauguin, nachdem er seine Werke im Hôtel Drouot versteigert hatte, um die Reise zu bezahlen, in Papeete an und malte dieses Bild in den ersten Monaten auf Tahiti. Zwei Frauen sitzen auf gelbem Sand und füllen fast die ganze Leinwand, und die rechte ist so groß, dass sie im Rahmen kaum Platz hat, Knie und Saum reichen über den rechten Rand hinaus. Die linke sitzt mit dem Rücken zu uns, auf einen Arm gestützt, den Kopf geneigt. Sie hat langes schwarzes Haar mit einem gelben Band, eine weiße Blüte hinter dem Ohr und einen leuchtend roten Pareo mit großen weißen Blättern. Die rechte sitzt mit gekreuzten Beinen, in einem weiten rosa Kleid mit langen Ärmeln, bis zum Hals zugeknöpft, von der Art, die Missionare auf der Insel eingeführt hatten. Sie flicht etwas aus orangefarbenen Palmfasern und blickt aus den Augenwinkeln zum Betrachter. Einander sehen die Frauen nicht an. Hinter dem Sand ziehen sich Streifen von dunklem Wasser, leuchtend grünem Land und dunklem Meer mit weißen Brechern.

1892 wiederholte Gauguin die Komposition im Bild Parau api („Was gibt’s Neues?“), das sich heute in Dresden befindet, und kleidete die rechte Frau in einen gestreiften Pareo.

16. Eisbär — François Pompon

Eisbär
EisbärFrançois Pompon, 1928, Musée d'Orsay

François Pompon war 67 Jahre alt, als ihn 1922 sein Eisbär aus Gips im Pariser Salon d’Automne berühmt machte. Zuvor hatte er mehrere Jahrzehnte als Praticien gearbeitet, das heißt, er übertrug fremde Modelle in Marmor, unter anderem für Camille Claudel und Auguste Rodin. Um 1905 wandte er sich den Tieren zu, zeichnete und modellierte sie in der Menagerie des Pariser Jardin des Plantes und baute sich einen tragbaren Modellierbock, den er vor der Brust befestigte, um mit dem Ton zu arbeiten, während er dem Tier folgte. Zuerst modellierte er mit allen Einzelheiten und nahm sie dann nach und nach wieder weg.

1927 bestellte der Staat für das Musée du Luxembourg eine große Fassung in Stein für 25.000 Francs. Beim Minister Édouard Herriot setzte sich die Journalistin Louise Weiss, Chefredakteurin der Zeitschrift L’Europe nouvelle, für Pompon ein, und der Bankier und Sammler David David-Weill schenkte einen Kalksteinblock. Den Bären meißelte der Praticien Jean-Joachim Supéry unter Pompons Aufsicht in einer Werkstatt in Malakoff bei Paris, und diesmal war es Pompons eigenes Modell, das ein anderer für ihn in Stein übertrug. Der Bär wurde am 16. Februar 1929 abgeliefert. Aus dem Musée du Luxembourg kam er 1939 in das Musée national d’art moderne und 1986 ins Orsay. Der berühmte Gips von 1922 und dieser Stein sind zwei verschiedene Skulpturen.

Der lebensgroße Bär geht auf geraden Beinen wie auf Säulen, und an einem Hinterbein hat sich die Ferse schon vom Sockel gehoben, als stoße er sich ab. Der Kopf ist auf einem langen, dicken Hals erhoben, die Schnauze nach oben gereckt, als wittere er. Der Stein ist glatt und matt, keine einzige Rille deutet das Fell an. Die Augen sind mit zwei kleinen Punkten angedeutet, das Maul mit einer einzigen dünnen, eingeritzten Linie, und durch sie wirkt es, als lächle der Bär ein wenig. Pompon sagte, er liebe die Skulptur „ohne Löcher und ohne Schatten“.

Eisbär
EisbärFrançois Pompon, 1928, Musée d'Orsay

Pompon starb 1933 und hinterließ dem Staat etwa 300 Werke, von denen der größte Teil 1948 an das Musée des Beaux-Arts in Dijon ging.

17. Die Bilder für die Jahrmarktsbude der La Goulue — Henri de Toulouse-Lautrec

La Goulue, Louise Weber, der Star des Cancan im Moulin Rouge, verließ das Cabaret 1895, mietete einen Platz auf dem Jahrmarkt Foire du Trône und eröffnete eine eigene Schaubude, in der sie einen „orientalischen“ Bauchtanz vorführte. Für die Fassade bat sie ihren Freund Henri de Toulouse-Lautrec, zwei große Leinwände zu malen. Lautrec, der sie 1891 mit einem Plakat für das Moulin Rouge berühmt gemacht hatte, malte zwei Bilder, jedes etwa drei Meter hoch und ebenso breit, und man hängte sie draußen am Eingang auf, bei Regen und Sonne.

Tanz im Moulin Rouge (La Goulue und Valentin le Désossé)
Tanz im Moulin Rouge (La Goulue und Valentin le Désossé)Henri de Toulouse-Lautrec, 1895, Musée d'Orsay
Der maurische Tanz
Der maurische TanzHenri de Toulouse-Lautrec, 1895, Musée d'Orsay
Die Wiege
Die WiegeBerthe Morisot, 1872, Musée d'Orsay

Auf dem linken Bild tanzt La Goulue im Moulin Rouge mit Valentin le Désossé, das ist ihre Vergangenheit, auf dem rechten führt sie in der Schaubude vor Publikum den neuen „maurischen“ Tanz vor, das ist ihre Gegenwart. Den Hintergrund malte Lautrec fast nirgends aus, und die Figuren sind mit dunklen Pinsellinien direkt auf die braune Leinwand gezeichnet, nur einige sind mit Farbe ausgefüllt. Ganz in Farbe gemalt ist La Goulue selbst, im grünen Rock über einem Schaum weißer Unterröcke, ihr Partner dagegen, der lange Valentin im Zylinder, besteht fast nur aus Strichen. Im Publikum auf dem rechten Bild erkennen Forscher einen massigen Mann im Zylinder, Oscar Wilde, und rechts, größer als alle anderen, den Kritiker Félix Fénéon mit spitzem Bart.

1900, als die Schaubude pleiteging, kaufte der Sammler Doktor Georges Viau die Leinwände. 1907 wurde seine Sammlung versteigert, die Bilder gingen an den Händler Hodebert, und 1926 zerschnitt Hodebert beide Leinwände in acht große Stücke, spannte jedes auf einen eigenen Keilrahmen und rahmte es wie ein eigenständiges Bild. 1929 kaufte der Staat von einem einzigen Besitzer, Hugues Simon, die Stücke und Reste der Leinwand, und das Fragment mit Valentin le Désossé schenkte ein Monsieur Auffray. 1930 wurden die Bilder wieder zusammengesetzt.

Die Nähte auf den Leinwänden sind zu sehen: Gerade Linien teilen sie in Rechtecke und laufen mitten durch die Figuren, und auf dem linken Bild ist unter Valentins Füßen ein Streifen hellerer Leinwand eingesetzt.

18. Die Wiege — Berthe Morisot

Eine junge Frau sitzt links im Profil, das Kinn auf die Hand gestützt, und blickt auf das schlafende Kind. Die Wiege nimmt die ganze untere Hälfte des Bildes und den rechten Rand ein, und von oben senkt sich ein weißer Musselinschleier auf sie herab, der das Bild diagonal durchquert und sogar vor der Brust der Mutter verläuft. Das Kind ist durch den Musselin zu sehen, seine Augen sind geschlossen, und das neben dem Kopf angewinkelte Ärmchen wiederholt den angewinkelten Arm der Mutter. Mit der anderen Hand berührt die Frau den Rand der Wiege. Das Bild ist fast nur in Weiß, Graublau und Rosa gemalt, und dunkel bleiben nur die Jacke der Mutter und ein Streifen am rechten Rand.

Auf dem Bild sind Berthe Morisots ältere Schwester Edma Pontillon und deren Tochter Blanche zu sehen, die am 23. Dezember 1871 geboren wurde. Die Schwestern hatten zusammen Malerei gelernt, Edma jedoch heiratete den Marineoffizier Adolphe Pontillon, zog nach Lorient und gab die Malerei auf.

Im Frühjahr 1874 war Berthe Morisot die einzige Frau unter den Teilnehmern der ersten Impressionistenausstellung im ehemaligen Atelier des Fotografen Nadar am Boulevard des Capucines. Sie zeigte neun Werke, darunter die Wiege. Das Bild wurde nicht gekauft, und Morisot nahm es aus dem Verkauf. Als sie 1895 starb, schrieb man in ihre Sterbeurkunde „ohne Beruf“.

Das Bild blieb in der Familie, und 1930 kaufte der Louvre es von Madame Blanche Forget, geborene Pontillon, dem Kind aus der Wiege, das damals 58 Jahre alt war.

Die Wiege
Die WiegeBerthe Morisot, 1872, Musée d'Orsay
Die kleine Tänzerin von vierzehn Jahren
Die kleine Tänzerin von vierzehn JahrenEdgar Degas, 1881, Musée d'Orsay

19. Die kleine Tänzerin von vierzehn Jahren — Edgar Degas

Marie van Goethem wurde am 7. Juni 1865 in Paris in einer armen belgischen Familie geboren. Sie und ihre Schwestern lernten an der Ballettschule der Oper, 1879 wurde sie 14, und ungefähr zu dieser Zeit modellierte Edgar Degas nach ihr die Figur, die der Skulptur den Namen gab. Im Mai 1882 wurde sie wegen versäumter Stunden von der Schule verwiesen, und was danach aus ihr wurde, konnten die Biografen nicht herausfinden.

Degas modellierte sie aus getöntem Wachs über einem Gerüst, zog ihr ein echtes Seidenmieder, ein Tutu aus Tüll, Strümpfe und Ballettschuhe an, band ihr ein Satinband ins Haar und setzte ihr eine Perücke aus echtem Haar auf. Im April 1881 zeigte er die Figur auf der sechsten Impressionistenausstellung in einer Glasvitrine. Es ist die einzige Skulptur, die Degas der Öffentlichkeit gezeigt hat. Der Kritiker Paul Mantz fragte in der Zeitung Le Temps, warum sie so hässlich sei, und ein Rezensent nannte sie „ein bisschen Affe, ein bisschen Azteke“.

Nach Degas’ Tod im September 1917 fand man in seinem Atelier etwa 150 Wachsfiguren. Die Erben einigten sich mit dem Gießer Adrien-Aurélien Hébrard, und dieser goss sie in Bronze, die Kleine Tänzerin in fast 30 Exemplaren. Eine Erlaubnis für Abgüsse hatte Degas nie gegeben, und alle seine Bronzen sind posthum, sodass im Orsay eine Kopie steht, die nach dem Tod des Künstlers entstand. Dieses Exemplar, mit dem Buchstaben P bezeichnet, kaufte der Staat 1930, und 1931 kam es in den Louvre. In den Unterlagen heißt es, der Kauf sei dank der Großzügigkeit der Erben des Künstlers und der Familie Hébrard möglich geworden.

Das Mädchen steht in der vierten Position, das linke Bein nach hinten gesetzt und die Hände hinter dem Rücken verschränkt, hat das Kinn hoch erhoben und die Augen fast geschlossen. Das Mieder ist mitsamt Knöpfen und Falten in Bronze gegossen, das Band am bronzenen Zopf und das Tutu dagegen sind aus echtem Stoff.

Das Wachsoriginal befindet sich in der National Gallery of Art in Washington, wohin es 1999 aus der Sammlung Paul Mellon kam.

Die kleine Tänzerin von vierzehn Jahren
Die kleine Tänzerin von vierzehn JahrenEdgar Degas, 1881, Musée d'Orsay
Die Schlangenbeschwörerin
Die SchlangenbeschwörerinHenri Rousseau, 1907, Musée d'Orsay

20. Die Schlangenbeschwörerin — Henri Rousseau

Berthe Delaunay, die Mutter des Malers Robert Delaunay, bestellte dieses Bild 1907 bei Henri Rousseau. Nach einer verbreiteten Erzählung war sie durch Indien gereist, erzählte ihren Gästen gern von der Reise und bat Rousseau, etwas zur Erinnerung daran zu malen. Rousseau hatte einst an einer Pariser Zollstelle gedient, an der die städtische Abgabe auf eingeführte Waren erhoben wurde, weshalb man ihn den Zöllner nannte, und aus Frankreich ist er nie herausgekommen. Den Dschungel setzte er aus den Gewächshäusern und der Menagerie des Jardin des Plantes zusammen, aus illustrierten Zeitschriften und aus den exotischen Dörfern, die man auf den Weltausstellungen aufbaute.

Das Bild ist gegen das Licht gemalt. Links hängt über dem Wasser ein Vollmond an einem grünlichen Himmel, und die Beschwörerin, die fast in der Mitte steht und uns ansieht, ist ganz schwarz, nur ihre Augen leuchten. Sie spielt Flöte, eine Schlange hängt ihr über den Schultern wie ein Kleidungsstück, eine andere richtet sich aus dem Gras zu ihr auf. Links im Schilf steht ein rosa Löffler, rechts steigen die Blätter wie eine Wand auf, und jedes Blatt ist einzeln umrissen.

Später ging das Bild an Robert und Sonia Delaunay, und im Mai 1922 verkauften sie es für 50.000 Francs an den Modeschöpfer und Sammler Jacques Doucet. Vermittelt hatte das Geschäft der Dichter André Breton, der Doucet damals beim Kaufen beriet. Die Verkäufer stellten die Bedingung, dass Doucet das Bild dem Louvre vermachte. Doucet starb am 30. Oktober 1929, seine Witwe bat darum, das Bild behalten zu dürfen, und der Staat nahm das Vermächtnis erst 1936 an.

Drei Van Goghs, 1949–1975

Selbstporträt
SelbstporträtVincent van Gogh, 1889, Musée d'Orsay

21. Selbstporträt — Vincent van Gogh

Paul Gachet und seine Schwester Marguerite, die Kinder des Arztes Paul Gachet, schenkten dem Staat 1949 dieses Selbstbildnis Vincent van Goghs zusammen mit dem Bildnis des Arztes selbst. Mit diesem Geschenk begann eine Reihe von Schenkungen der Familie Gachet, die sich über die 1950er-Jahre erstreckte. Doktor Gachet hatte van Gogh in Auvers-sur-Oise behandelt, wo der Maler am 29. Juli 1890 starb. Wie das Selbstbildnis an den Arzt kam, berichtet nur eine Quelle, die britische Zeitschrift Apollo, die 2024 schrieb, Gachet habe das Bild kurz nach Vincents Tod von dessen Bruder Theo erhalten.

Van Gogh, ein Niederländer, lebte seit 1886 in Frankreich, ließ sich im Februar 1888 in Arles nieder und ging nach Krankheitsanfällen Ende desselben Jahres im Mai 1889 freiwillig in die Heilanstalt Saint-Paul-de-Mausole in Saint-Rémy. Im Juli erlitt er einen neuen Anfall und konnte mehrere Wochen nicht arbeiten. Dieses Bildnis malte er im September 1889 und schickte es um den 20. September an Theo nach Paris, mit einem Brief: „Sieh es dir eine Weile an. Ich hoffe, du wirst sehen, dass mein Gesichtsausdruck ruhiger geworden ist, obwohl der Blick, wie mir scheint, unsicherer ist als früher.“ Es ist eines seiner letzten Selbstbildnisse.

Das Gesicht ist in gelbem Ocker mit grünen Schatten gemalt, die Lippen sind zusammengepresst, die Augen schräg auf den Betrachter gerichtet. Das rote Haar und der Bart liegen in kurzen, parallelen Strichen. Der blasse, bläulich grüne Hintergrund ist mit Kringeln und Wirbeln bedeckt, und dieselben welligen Striche gehen auf die Jacke über, sodass die Figur fast mit der Wand verschmilzt und nur die dunklen Umrisse und der orangefarbene Kopf sie davon abheben.

Im Mai 1890 zog van Gogh nach Auvers, in die Obhut von Doktor Gachet, holte diese Leinwand bei Theo ab und zeigte sie dem Arzt. Im Juni schrieb er seiner Schwester, Gachet sei von dem Selbstbildnis begeistert, und malte ein Bildnis des Arztes, wobei er im selben Brief bemerkte, sein eigenes Selbstbildnis sei „fast genauso“.

Selbstporträt
SelbstporträtVincent van Gogh, 1889, Musée d'Orsay

22. Das Schlafzimmer in Arles — Vincent van Gogh

Im April 1959 kamen im japanischen Hafen Yokohama 375 Werke aus der Sammlung von Kōjirō Matsukata an, einem japanischen Industriellen, der in Paris europäische Kunst gekauft hatte, und im Juni desselben Jahres begann mit ihnen das Nationalmuseum für westliche Kunst in Tokio. Etwa 20 Werke behielt Frankreich, und das Schlafzimmer in Arles war darunter.

Matsukata kaufte das Bild Anfang der 1920er-Jahre in der Pariser Galerie von Paul Rosenberg, und nach Japan wurde es nicht geschickt, es blieb beim Pariser Teil der Sammlung. 1944, nach der Befreiung Frankreichs, wurde die Sammlung als Feindvermögen beschlagnahmt. Nach Artikel 14 des Friedensvertrags, der am 8. September 1951 in San Francisco unterzeichnet wurde, durften die Alliierten japanisches Eigentum behalten, und die Sammlung ging an den französischen Staat über. 1953 bat der Kunsthistoriker Yukio Yashiro, der Matsukata einst beraten hatte, den Direktor der Musées de France, Georges Salles, das Schlafzimmer und ein Bild von Renoir zurückzugeben. Den Renoir gab man nach Verhandlungen heraus, den van Gogh nicht. Durch ein Dekret vom 27. Mai 1959 wurde das Schlafzimmer dem Louvre übergeben.

Das Schlafzimmer in Arles
Das Schlafzimmer in ArlesVincent van Gogh, 1889, Musée d'Orsay

2024 argumentierte Robert Casanovas, Präsident der Organisation International Restitutions, Frankreich habe Japan formell nie den Krieg erklärt, deshalb habe es für die Beschlagnahme von 1944 keine Grundlage gegeben, und er nannte das Zurückhalten des Bildes eine unrechtmäßige Aneignung. Die offizielle Position Frankreichs ist eine andere: Das Bild ging nach dem Friedensvertrag von 1951 und dem Dekret von 1959 an den Staat über, und die übrige Sammlung wurde Japan als Geschenk zurückgegeben.

Das Schlafzimmer aus dem Orsay ist das dritte und kleinste der drei. Das erste malte van Gogh im Oktober 1888 in Arles, und es wurde durch Feuchtigkeit beschädigt, während er im Krankenhaus lag. Im September 1889 wiederholte er es in Saint-Rémy im selben Format, und Ende des Monats fertigte er eine verkleinerte Wiederholung für Mutter und Schwester in Holland an (die erste Fassung ist heute in Amsterdam, die zweite in Chicago). Er malte nach dem früheren Bild, weil er jenes Zimmer nicht mehr hatte. Der Boden steigt steil zum Fenster an, und die hintere Wand scheint heranzurücken. Das Bett aus gelbem Holz mit blutroter Decke nimmt die rechte Hälfte ein, und das ist der einzige heiße rote Fleck auf dem Bild. Über dem Bett hängen in orangefarbenen Rahmen zwei Bildnisse, ein bartloser rothaariger Mann in blauer Jacke und eine dunkelhaarige Frau mit gesenkten Augen. In der Amsterdamer Fassung hängen an dieser Stelle andere Bildnisse, und wer die Frau ist, hat die Forschung nicht geklärt, obwohl einige in ihr die Schwester des Malers, Willemien, sehen.

2019 wurde das Bild in Tokio gezeigt, auf der Ausstellung der Sammlung Matsukata zum 60-jährigen Bestehen des Museums.

Das Schlafzimmer in Arles
Das Schlafzimmer in ArlesVincent van Gogh, 1889, Musée d'Orsay

23. Sternennacht über der Rhône — Vincent van Gogh

Den Großen Wagen setzte van Gogh über Arles, obwohl er vom Ufer der Rhône nach Südwesten blickte und dieses Sternbild im nördlichen Teil des Himmels zu sehen ist. Der Astrophysiker Jean-Pierre Luminet rekonstruierte den Himmel vom September 1888, stellte fest, dass die Sterne so stehen, wie man sie beim Blick nach Norden sieht, und vermutete, der Maler habe die Stadt auf der einen Seite und das Sternbild auf der anderen zusammengefügt.

In einem Brief an den Bruder um den 29. September 1888 beschrieb van Gogh den „Sternenhimmel, endlich nachts gemalt, unter einer Gaslaterne“, einen grünblauen Himmel, königsblaues Wasser, lila Erde und gelbes Gaslicht, dessen Spiegelungen „vom Rotgold zur grünen Bronze“ übergehen. Die Sterne sind als blasse grünweiße Rosetten mit einem Kranz aus strahlenförmigen Pinselstrichen gemalt. Am anderen Ufer zieht sich eine Kette gelb-orangefarbener Laternen hin, und von jeder führt eine Säule aus zerrissenen gelben und goldenen Strichen ins dunkle Wasser hinab, fast bis in den Vordergrund. In der Mitte liegen am Ufer zwei Boote mit dünnen Masten, und in der rechten unteren Ecke kommen dem Betrachter zwei Menschen Arm in Arm entgegen, so klein, dass man sie leicht übersieht. Im Brief nannte van Gogh sie ein Liebespaar.

Sternennacht über der Rhône
Sternennacht über der RhôneVincent van Gogh, 1888, Musée d'Orsay

Dieses Ufer der Rhône lag zwei Gehminuten vom Gelben Haus entfernt, das van Gogh gemietet hatte und damals einrichtete, während er auf Gauguin wartete. 1889 schickte Theo das Bild zusammen mit den Iris in den Salon des Indépendants.

Nach Theos Tod blieb das Bild bei seiner Witwe Johanna van Gogh-Bonger, und 1899 kaufte es der niederländische Schriftsteller Bas Veth, der für drei Bilder van Goghs auf einmal 1450 Gulden zahlte. Er schrieb einem Freund, er verstehe nicht, wie man ein solches Heiligtum für Geld unter sein Dach bringen könne. Nach Veths Tod 1922 verkauften die Erben die Bilder, und später gehörte dieses Bild dem Pariser Fernand Moch.

1975 schenkten Robert Kahn-Sriber und seine Frau es dem Staat zum Andenken an Fernand Moch und dessen Frau und behielten sich das lebenslange Nutzungsrecht vor, sodass der Staat das Bild besaß, noch bevor er es aufhängen konnte.

Sternennacht über der Rhône
Sternennacht über der RhôneVincent van Gogh, 1888, Musée d'Orsay

Erbschaftsteuer und Mäzen, 1995–2022

24. Der Ursprung der Welt — Gustave Courbet

Am 29. Juni 1889 notierte Edmond de Goncourt in seinem Tagebuch, wie ihm ein Händler ein Bild mit einem Geheimnis zeigte. Auf der äußeren Klappe war eine Dorfkirche im Schnee zu sehen, und darunter verbarg sich ein zweites Bild, das Courbet für Khalil Bey gemalt hatte und das „den Bauch und den Unterleib einer Frau“ darstellte. Goncourt gab zu, er müsse Courbet Abbitte leisten, und verglich diesen Körper mit der Malerei Correggios. Den Händler nannte er nicht, und in der Literatur identifiziert man ihn gewöhnlich mit dem Antiquar Antoine de la Narde.

Khalil Bey, ein osmanischer Diplomat in Paris, sammelte erotische Malerei und besaß auch Courbets Schlaf und Ingres’ Türkisches Bad. Courbet malte dieses Bild 1866 für ihn, nach der allgemein anerkannten Version als Auftrag. Der Schriftsteller Maxime Du Camp, der Courbet feindlich gesinnt war und erst nach der Kommune schrieb, erinnerte sich, es habe in Khalil Beys Ankleidezimmer hinter einem grünen Vorhang gehangen. 1868 verspielte Khalil Bey sein Vermögen und verkaufte die Sammlung, und dieses Bild ging privat an de la Narde.

Die Leinwand ist klein. Darauf ist ein nackter Frauenkörper zu sehen, der auf dem Rücken auf weißen Laken liegt, aus der Nähe und von den Füßen her gesehen. Der Ausschnitt ist an der Brust und an den Oberschenkeln abgeschnitten, sodass Kopf, Arme und Unterschenkel außerhalb bleiben. Die gespreizten Oberschenkel führen zu den unteren Ecken, das dunkle Schamhaar liegt fast in der Mitte der Leinwand, der Oberkörper ist mit einem zerknüllten Laken bedeckt, rechts oben ist eine Brust zu sehen. Die akademischen Maler jener Zeit malten den nackten Körper glatt und unbehaart, Courbet dagegen malte das Haar genau aus.

Der Ursprung der Welt
Der Ursprung der WeltGustave Courbet, 1866, Musée d'Orsay

Um 1910 kaufte der Budapester Sammler Baron Ferenc Hatvany das Bild in der Pariser Galerie Bernheim-Jeune. Während des Zweiten Weltkriegs lag seine Sammlung in den Tresoren Budapester Banken. Die Berichte darüber, wie das Bild den Krieg überstand, gehen auseinander, und Hatvany selbst schrieb, es sei verschwunden und „durch einen glücklichen Zufall“ zu ihm zurückgekehrt. 1947 ging er nach Paris und nahm es mit.

1955 kauften der Psychoanalytiker Jacques Lacan und seine Frau, die Schauspielerin Sylvia Bataille, das Bild zu gleichen Teilen. Sie hängten es in ihrem Landhaus in Guitrancourt auf, und Sylvia bat den Mann ihrer Schwester, den Maler André Masson, eine Abdeckung dafür zu machen. Masson fertigte einen verschiebbaren Holzdeckel und zeichnete darauf denselben Körper in hellen Linien als Landschaft. Lacan starb 1981, Sylvia Bataille im Dezember 1993, und 1995 übergaben die Erben das Bild dem Staat zur Begleichung der Erbschaftsteuer. Eine solche Zahlung mit Kunstwerken hatte in Frankreich ein Gesetz von 1968 erlaubt. Bis dahin war das Bild nur ein einziges Mal in einem Museum gezeigt worden, 1988 in Brooklyn.

Lange nahm man an, Modell habe die Irin Joanna Hiffernan gestanden, eine Freundin Whistlers, sie hatte jedoch rotes Haar. 2018 verglich der Dumas-Forscher Claude Schopp einen Brief von Alexandre Dumas dem Jüngeren an George Sand mit der Handschrift in der Bibliothèque nationale de France. Darin ist vom Pinsel eines Malers und von „Mademoiselle Queniaux von der Oper“ die Rede, und das Wort, das man in der gedruckten Ausgabe als „Interview“ gelesen hatte, erwies sich in der Handschrift als „das Innere“. Gemeint war Constance Queniaux, eine ehemalige Tänzerin der Oper und Geliebte Khalil Beys. Sylvie Aubenas von derselben Bibliothek unterstützte diese Deutung, sie stützt sich allerdings auf einen einzigen Brief.

Am 6. Mai 2024, als das Bild für eine Ausstellung über Lacan an das Centre Pompidou-Metz ausgeliehen war, wurde auf seine Schutzscheibe mit roter Farbe „Me Too“ geschrieben. Das Glas musste ersetzt werden, die Farbe auf der Leinwand blieb unversehrt.

25. Bootspartie — Gustave Caillebotte

Die Besitzer des Bildes, Nachkommen der Familie Caillebotte, beantragten am 2. Oktober 2019 die Genehmigung, es aus Frankreich auszuführen, wollten es also ins Ausland verkaufen. Nach dem Tod des Malers 1894 war das Bild an seinen Bruder Martial gegangen, 1910 an Martials Tochter Geneviève, und seitdem blieb es in der Familie. Am 18. Dezember 2019 sprach sich die Kommission für nationale Kulturschätze für eine Ablehnung aus, am 30. Januar 2020 wurde die Ausfuhr verweigert und das Bild zum nationalen Kulturschatz erklärt, und der Staat hatte nun 30 Monate Zeit, einen Preis dafür anzubieten. Am 25. März 2022 kündigte der Staat an, einen Mäzen für 43 Millionen Euro zu suchen. Die ganze Summe zahlte der Konzern LVMH, und nach dem Gesetz über nationale Kulturschätze kann das Unternehmen etwa 90 Prozent eines solchen Beitrags von der Körperschaftsteuer absetzen. Das Bild gehört dem Staat, und am 30. Januar 2023 wurde es im Musée d’Orsay vorgestellt.

Bootspartie
BootspartieGustave Caillebotte, 1878, Musée d'Orsay

Der Betrachter sitzt im Heck eines leichten Bootes, dem Ruderer gegenüber. Der lackierte ockerfarbene Bootsboden mit Spanten und Ruderbänken nimmt das untere Drittel des Bildes ein und reicht über die Ränder hinaus, und die Ruder durchqueren es fast von Rand zu Rand. Der Ruderer sitzt genau in der Mitte, die Knie gespreizt, und hat am Ende des Schlags die Hände zur Brust gezogen. Er trägt einen hohen schwarzen Zylinder aus Seide, eine schwarze Weste, ein blau-weiß gestreiftes Hemd mit weiten Ärmeln und eine Fliege. Im Gutachten der Kommission heißt es, er habe „nur das Jackett seines Stadtanzugs abgelegt“. Er blickt am Betrachter vorbei nach links, mit abwesender Miene. Der Fluss hinter ihm, wahrscheinlich die Yerres, an der die Familie Caillebotte die Sommer verbrachte, ist mit schnellen, zerrissenen Strichen gemalt, freier als die Figur, und ein zweites Boot mit zwei Ruderern in Strohhüten kommt ihnen entgegen.

Caillebotte zeigte das Bild 1879 auf der vierten Impressionistenausstellung. Er segelte selbst und baute Boote, und das Kulturministerium schreibt, er habe 32 Boote besessen und für etwa 20 weitere die Pläne gezeichnet.

1863 kaufte Napoleon III. im Salon Cabanels Geburt der Venus, Manets Frühstück im Grünen dagegen ließ die Jury gar nicht erst zu. 1890 bekam der Staat die Olympia durch eine Subskription von Malern. 1906 schenkte Moreau-Nélaton dem Staat das Frühstück im Grünen, 1911 erhielt der Louvre durch Vermächtnis die Sammlung Camondo, 1995 zahlten Lacans Erben ihre Erbschaftsteuer mit einem Bild von Courbet, und 2022 fand der Staat 43 Millionen Euro, damit Caillebottes Bootspartie Frankreich nicht verließ.

Bootspartie
BootspartieGustave Caillebotte, 1878, Musée d'Orsay

Was man außerdem sehen sollte

Die Kirche von Auvers
Die Kirche von AuversVincent van Gogh, 1890, Musée d'Orsay
Die Familie Bellelli
Die Familie BellelliEdgar Degas, 1858, Musée d'Orsay

Außerhalb dieser 25 Werke bleiben van Goghs Kirche von Auvers, die 1951 ebenfalls unter Beteiligung der Familie Gachet ins Museum kam, und Degas’ Familie Bellelli, die man 1918 bei der Versteigerung aus dem Atelier des Malers kaufte, als Paris unter dem Beschuss der deutschen Artillerie lag. Unter den Skulpturen sollte man den Tanz von Jean-Baptiste Carpeaux suchen, der 1964 von der Fassade der Pariser Oper abgenommen und durch eine Kopie ersetzt wurde, und Das reife Alter von Camille Claudel. Der Staat trat 1899 von seinem Auftrag für diese Gruppe zurück, und den Bronzeguss bezahlten Privatleute.

Der Tanz
Der TanzJean-Baptiste Carpeaux, 1869, Musée d'Orsay
Das reife Alter
Das reife AlterCamille Claudel, 1902, Musée d'Orsay