Die beiden barocken Schlösser des Belvedere baute der Architekt Johann Lucas von Hildebrandt für Prinz Eugen von Savoyen, und 1723 waren sie fertig. Seit dem späten 18. Jahrhundert hing im Oberen Belvedere die kaiserliche Gemäldegalerie, 1891 brachte man sie in das eben errichtete Kunsthistorische Museum in Wien, und das heutige Museum begann im Mai 1903 noch einmal von vorn, als im Unteren Belvedere die Moderne Galerie eröffnet wurde. Durchgesetzt hatten sie Gustav Klimt und die Künstler der Wiener Secession, die in den Jahren davor Bilder gekauft und dem Staat geschenkt hatten.

Am 20. März 1938, acht Tage nach dem „Anschluss“, schloss der neue Direktor Bruno Grimschitz die Abteilung für moderne Kunst der Galerie, und unter ihm wurde aus Sammlungen gekauft, die man Wiener Juden weggenommen hatte. Nachdem Österreich 1998 das Kunstrückgabegesetz beschlossen hatte, begann das Museum, die Herkunft seiner Werke zu prüfen. Nach eigener Zählung hat es zehn Gemälde Klimts an die Erben der früheren Eigentümer zurückgegeben, darunter das goldene Bildnis der Adele Bloch-Bauer von 1907, das 2006 die Neue Galerie in New York kaufte.

1. Vermählung Mariens — Michael Pacher

Vermählung Mariens
Vermählung MariensMichael Pacher, 1497, Belvedere

Genau in der Mitte der Tafel treffen sich die Hände: Joseph und Maria haben ihre rechten Hände ineinandergelegt, und der Hohepriester mit hoher, edelsteinbesetzter Mitra stützt sie von unten und segnet mit der anderen Hand. Joseph wurde in dieser Szene gewöhnlich als Greis dargestellt, bei Pacher dagegen ist er ein junger Mann mit dunklen Locken und rötlichem Bart, und sein riesiger zinnoberroter Mantel füllt das ganze linke Drittel der Tafel. In der Hand hält Joseph einen dünnen grünen Stab, der der Überlieferung nach erblühte und ihn so als den erwählten Bräutigam auswies. Der Stab läuft über den oberen Rand hinaus, und alle Figuren sind links, rechts und unten etwa in Kniehöhe abgeschnitten, weil die Tafel einmal mehr als doppelt so groß war.

Die Tafel ist ein Flügel des Hochaltars der Salzburger Pfarrkirche, der heutigen Franziskanerkirche. Die Stadt bestellte den Altar 1484 bei Michael Pacher, einem Meister aus Bruneck in Südtirol, und zahlte dafür 3300 Gulden. Nach Salzburger Quellen war es der größte und teuerste Flügelaltar seiner Zeit. Pacher zog 1495 nach Salzburg, um die Arbeit zu vollenden, und starb dort 1498.

1709 trat an die Stelle des gotischen Altars ein barocker von Johann Bernhard Fischer von Erlach. Vom alten blieb nur die geschnitzte thronende Madonna, die man damals schon als Gnadenbild verehrte, und die übrigen Teile des Altars gerieten in verschiedene Hände. Wann dieser beidseitig bemalte Flügel beschnitten und der Dicke nach zersägt wurde, konnten die Historiker nicht klären. Seine Rückseite wurde zu einem eigenen Bild, der Geißelung Christi, und auch sie befindet sich im Belvedere. Ein weiteres Fragment des Altars, die Szene, in der die Brüder den alttestamentlichen Joseph in den Brunnen werfen, fand man 1951 im Salzburger Franziskanerkloster selbst.

2. Apotheose des Prinzen Eugen — Balthasar Permoser

Apotheose des Prinzen Eugen von Savoyen
Apotheose des Prinzen Eugen von SavoyenBalthasar Permoser, 1720, Belvedere

Prinz Eugen von Savoyen, der Feldherr, der für die Habsburger gegen die Türken kämpfte, ließ diese Marmorgruppe, die ihn selbst als Herkules zeigt, im Speisesaal seiner Hausoffiziere aufstellen, im Erdgeschoss des südwestlichen Eckturms des Oberen Belvedere. Gemeißelt hat sie Balthasar Permoser, Hofbildhauer des sächsischen Kurfürsten, in Dresden zwischen 1718 und 1721, kurz nach Eugens Siegen über die Türken bei Peterwardein und Belgrad. Das Museum hält Eugen selbst für den Auftraggeber, obwohl es in der Allgemeinen Deutschen Biographie von 1887 heißt, der Besteller sei unbekannt.

Eugen steht in der Mitte, in der Rüstung seiner Zeit und mit üppiger Lockenperücke, und über die Rüstung ist ein Löwenfell geworfen. Links von ihm schwingt sich in langer Diagonale Fama mit der Posaune heraus, und der Prinz hält mit der linken Hand den Schalltrichter zu, als wollte er sie daran hindern, seine Taten zu verkünden. Zu seinen Füßen kauert ein gefangener Türke. Einer Überlieferung nach gab Permoser diesem Türken sein eigenes Gesicht, und das Museum hält das für möglich.

Warum Eugen die Gruppe abseits der Prunksäle aufstellen ließ, hat er selbst nicht erklärt. Das Museum bietet zwei Vermutungen an: Der Marmor sei dem Prinzen nicht antik genug erschienen, oder er habe ihn von Anfang an als Denkmal für die Zeit nach seinem Tod bestellt. Zugleich kam Permosers Gruppe auf das Titelblatt der Kupferstichfolge mit Ansichten des Belvedere, die Salomon Kleiner herausgab. Nach dem Tod des Prinzen 1736 stand der Marmor in einer Ecke des Hofes zwischen Garten und Schloss, 1836 stellte man ihn in die Sala terrena im Erdgeschoss, als Gegenstück zur Statue Kaiser Karls VI. von dem Bildhauer Georg Raphael Donner, und 1922 kam er ins Untere Belvedere, in das eben eröffnete Barockmuseum.

3. Charakterköpfe — Franz Xaver Messerschmidt

Charakterkopf Nr. 33: Ein Erzbösewicht
Charakterkopf Nr. 33: Ein ErzbösewichtFranz Xaver Messerschmidt, 1780, Belvedere

Dem Bildhauer Franz Xaver Messerschmidt verweigerte man 1774 die Professur an der Wiener Akademie der bildenden Künste, obwohl er fünf Jahre lang den Professor für Bildhauerei vertreten und zuvor Büsten Maria Theresias und ihres Gemahls geschaffen hatte. Staatskanzler Kaunitz schrieb der Kaiserin, wenn man den Wiedergaben seines Briefes glauben darf, er schätze Messerschmidts Talent, und erwähnte eine „Verwirrung im Kopf“ und ungebührliches Betragen. Die Pension, die man ihm statt des Amtes anbot, nahm der Bildhauer nicht an, verließ Wien und ließ sich 1777 bei seinem Bruder in Pressburg nieder, dem heutigen Bratislava.

Mit den Köpfen begann er um 1770 und arbeitete an ihnen bis zu seinem Tod 1783, ohne Auftraggeber, für sich selbst. Die Kuratoren des Belvedere nehmen an, dass er von seinem eigenen Gesicht ausging und eine Reihe von Ausdrücken zusammentrug. Der Berliner Verleger Friedrich Nicolai, der ihn 1781 besuchte, berichtete, Messerschmidt habe sich unter die Rippen gekniffen und die Grimasse, die dabei entstand, im Spiegel betrachtet.

Kopf Nummer 33 ist aus einer Zinn-Blei-Legierung gegossen. Er ist so tief in die Brust gezogen, dass das Kinn in den Halsfalten versinkt, die Augen sind so fest zugekniffen, dass sich an den Schläfen Falten bilden, die Nase ist gerümpft, und der Mund ist zu einer Linie zusammengepresst, deren Winkel nach oben gehen, was ebenso ein unterdrücktes Grinsen sein kann wie Anstrengung. Das Belvedere kaufte ihn 1923 bei einer Versteigerung des Wiener Auktionshauses Albert Kende. Insgesamt befinden sich etwa 16 Köpfe im Museum, und einige davon haben ihm ihre Eigentümer geliehen.

Im 20. Jahrhundert erklärte man die Köpfe lange mit einer Geisteskrankheit des Bildhauers, und das Belvedere widersprach dem in einer Ausstellung 2025, indem es sie in eine Reihe mit den Studien zur Mimik im 18. Jahrhundert stellte. Ihre Namen bekamen die Köpfe erst nach Messerschmidts Tod. Sein Bruder Johann Adam kaufte sie bei der Versteigerung des Nachlasses und verkaufte sie um 1791 an den Wiener Gastwirt Franz Strunz, und im November 1793 stellte Strunz 49 Köpfe im Bürgerspital aus, dem großen städtischen Versorgungshaus, wo er damals die Küche führte. Eine anonyme Broschüre zur Ausstellung gab jedem Kopf einen Namen. Nummer 33 hieß „Ein Erzbösewicht“, und das Museum nennt diesen Beinamen bis heute neben der Nummer.

4. Napoleon am Großen St. Bernhard — Jacques-Louis David

Napoleon am Großen St. Bernhard
Napoleon am Großen St. BernhardJacques-Louis David, 1801, Belvedere

Das Bildnis des Ersten Konsuls Bonaparte von Jacques-Louis David wurde 1803 von Paris nach Mailand geschickt, in den Palast der Italienischen Republik, die Frankreich damals unter seiner Kontrolle hielt. 1834, als Mailand bereits wieder zu Österreich gehörte, brachte man das Bild nach Wien, in die kaiserliche Galerie, die damals im Oberen Belvedere untergebracht war. So gelangte das Staatsporträt eines Mannes, gegen den die Habsburger noch vor Kurzem Krieg geführt hatten, in das Schloss des Prinzen Eugen. Als die Galerie 1891 in das neue Kunsthistorische Museum umzog, ging das Bild mit ihr, es gehört diesem Museum bis heute und ist im Belvedere eine Leihgabe.

David und seine Werkstatt malten fünf Fassungen dieses Bildnisses (so zählt man sie gewöhnlich), und die Wiener ist auf 1801 oder 1802 datiert. Man erkennt sie am rotorangen Mantel und am Apfelschimmel. Das Pferd bäumt sich auf einem verschneiten Felsvorsprung auf, der Mantel bläht sich über dem Reiter, und Bonaparte selbst blickt ruhig den Betrachter an und weist mit der Hand nach oben. Links unten sind drei Namen in die Steine gemeißelt: BONAPARTE, darunter das halb verwitterte ANNIBAL und noch tiefer KAROLVS MAGNVS IMP, also Hannibal und Karl der Große, die ebenfalls Heere über die Alpen geführt hatten, und Bonapartes Name ist unter ihnen der deutlichste. Über den Pass zog er im Mai 1800 in Wirklichkeit auf einem Maultier, mit einem Bergführer.

5. Am Fronleichnamsmorgen — Ferdinand Georg Waldmüller

Am Fronleichnamsmorgen
Am FronleichnamsmorgenFerdinand Georg Waldmüller, 1857, Belvedere

Ferdinand Georg Waldmüller, Kustos der Gemäldegalerie der Wiener Akademie der bildenden Künste im Rang eines Professors, schickte 1857 über die Köpfe seiner Vorgesetzten hinweg dem Finanzminister seine Schrift „Andeutungen zur Belebung der vaterländischen bildenden Kunst“. Schon früher, 1846 und 1849, hatte er in Druckschriften den Unterricht an der Akademie angegriffen und verlangt, dass die Studenten nach der Natur arbeiten, statt zu kopieren. Für die Schrift von 1857 versetzte ihn der Staat zur Strafe mit halbem Gehalt in den Ruhestand. 1864 gab ihm der Kaiser das volle Gehalt zurück und rehabilitierte ihn, und 1865 starb Waldmüller.

Das Bild ist im selben Jahr 1857 datiert. Seit 1912 befindet es sich im Museum, gehört aber dem Verein der Freunde des Belvedere, der es in jenem Jahr als seine erste Erwerbung kaufte und der staatlichen Galerie als Leihgabe überließ.

Die Morgensonne fällt in die Mitte des Hofes, auf vier Mädchen in weißen Musselinkleidern und mit Blumenkränzen, und auf ihnen liegt das hellste Licht des Bildes. Rechts geht ein Junge in grüner Jacke mit einer hohen, mit Blumen und Bändern umwundenen Kerze davon und schaut sich mit breitem Lächeln um. Im Vordergrund sind Kinder in Alltagskleidern, barfuß. Ein Mädchen kniet und reicht einen kleinen Kranz hin, ein anderes hockt und greift nach den Blumen in den Händen einer festlich gekleideten Freundin. 2021 erklärte das Belvedere in einer Ausstellung über Armut in der Wiener Malerei des Biedermeier diesen Unterschied ganz direkt: Barfüßige Kinder gehen bei der Prozession nicht mit. Links, abseits von allen, sitzt ein alter Mann in blauem Kittel mit gesenktem Kopf auf einer Bank, und an der Mauer neben ihm drückt ein Mädchen den Handrücken an ein Auge.

Am Fronleichnamsmorgen
Am FronleichnamsmorgenFerdinand Georg Waldmüller, 1857, Belvedere

6. Die fünf Sinne — Hans Makart

Baron Joseph Alexander von Helfert bestellte bei Hans Makart fünf Bilder für seine Wohnung am Parkring, einem Abschnitt der Wiener Ringstraße. Jedes zeigt eine nackte Frau in ganzer Figur und Lebensgröße, und jede Leinwand ist über drei Meter hoch und schmaler als eine gewöhnliche Tür, weil die Bilder in den Wandfeldern zwischen den Fenstern hängen sollten. In Helferts Wohnung kamen sie nach Angaben des Museums nie an, und einen Grund nennt das Museum nicht. Makart begann den Zyklus 1872 und vollendete ihn Ende 1879, in den Jahren, in denen er der gefragteste Maler Wiens war.

Auf der Rückseite des Bildes Das Gesicht, das den Sehsinn darstellt, steht „gemalt für H. O. Miethke 1879“, dazu der Vermerk „Vervielfältigung vorbehalten“. Der Wiener Kunsthändler Miethke brachte den Zyklus als Gravüren heraus und zeigte die Bilder auf Ausstellungen in Dresden, Wien und Berlin. Ein Dokument, das den Auftrag Helferts mit dieser Aufschrift verbinden würde, hat die Forschung bisher nicht gefunden.

Die fünf Sinne: Das Gesicht
Die fünf Sinne: Das GesichtHans Makart, 1879, Belvedere
Die fünf Sinne: Das Gehör
Die fünf Sinne: Das GehörHans Makart, 1875, Belvedere

Von den fünf Leinwänden werden Das Gesicht und Das Gehör am häufigsten ausgestellt. Im Gesicht hält die Frau einen ovalen Handspiegel in vergoldetem Rahmen an die Schulter, blickt aber zur Seite, und über ihrem Kopf breitet sich das riesige Fächerblatt einer Palme aus, und nur an dieser Stelle der Leinwand ist Himmel zu sehen. Im Gehör hat sie sich ins Profil gedreht und die Finger ans Ohr gehoben. Das Museum beschreibt die fünf Figuren als Stellungen eines einzigen Körpers, der sich langsam dreht.

Der Staat kaufte den Zyklus 1901 von Miethke, in dem Jahr, in dem der Kaiser die Gründung einer staatlichen Galerie für moderne Kunst genehmigte.

7. Frühling im Prater — Tina Blau

Tina Blau schickte 1882 zur Ersten Internationalen Kunstausstellung im Wiener Künstlerhaus, dem Ausstellungshaus der wichtigsten Künstlervereinigung der Stadt, eine Leinwand von etwa zwei Metern Höhe und drei Metern Breite. Solche Formate hatten damals große Salonbilder, und Blau malte darauf den Prater im Frühling, den großen Wiener Park. Nach einer Geschichte, die alle ihre Biografen wiederholen, wollte die Hängekommission das Bild ablehnen: Zwischen den dunklen, im Galerieton gehaltenen Gemälden sei es zu hell und werde, wie es in der Kommission hieß, „ein Loch in die Wand“ reißen. Hans Makart, der Maler der Fünf Sinne, setzte sich für das Bild ein, und es wurde aufgehängt, allerdings in einer Ecke. 1899 kaufte man es für die kaiserliche Gemäldegalerie.

Frühling im Prater
Frühling im PraterTina Blau, 1882, Belvedere

Die obere Hälfte der Leinwand nimmt ein blassblauer Himmel mit langen Wolken ein. Rechts stehen riesige alte Bäume, deren kahle Kronen sich eben erst mit blassem gelbgrünem Laub überziehen, auf einem sonnenbeschienenen Weg kommen eine Dame mit cremefarbenem Sonnenschirm, eine Dame in dunklem Kleid und ein kleines Mädchen auf den Betrachter zu, und links stehen zwei Jungen mit hochgekrempelten Hosen barfuß in einem seichten Tümpel. Das Bild ist in Ocker, Strohgelb und Blassblau gemalt, und dunkle Flecken bilden darin nur die Kleider und die Stämme.

Frauen nahm die Wiener Akademie der bildenden Künste damals nicht auf, und Blau lernte bei Privatlehrern und später in München. 1883 wurde der Frühling im Prater im Pariser Salon ausgestellt und dort nach den meisten Quellen mit einer lobenden Erwähnung ausgezeichnet.

8. Admiral Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa — Anton Romako

Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa I
Tegetthoff in der Seeschlacht bei Lissa IAnton Romako, 1879, Belvedere

In der Beschreibung des Belvedere heißt es über Anton Romakos Bild, darin gebe es weder Meer noch Flaggen noch brennende Schiffe, also nichts von dem, womit man einen Seesieg zu verherrlichen hatte. Die Seeschlacht bei der Adriainsel Lissa fand am 20. Juli 1866 statt. Das Flaggschiff des Konteradmirals Wilhelm von Tegetthoff rammte und versenkte das italienische Panzerschiff „Re d’Italia“, und die Österreicher schlugen die stärkere italienische Flotte, obwohl Österreich den Krieg im selben Jahr zu Lande verlor und Venedig an Italien abtreten musste.

Die hohe, schmale Holztafel ist in zwei Streifen geteilt. Oben stehen vier Offiziere auf der Kommandobrücke, und Tegetthoff in der Mitte blickt breitbeinig, mit herabhängenden Armen, geradewegs den Betrachter an. Unten stemmen sich sechs oder sieben Matrosen mit dem ganzen Körper gegen ein riesiges Steuerrad, das der untere Bildrand abschneidet: Einer reißt die Augen auf, ein anderer presst sich die Hand auf den Mund. Zwischen den beiden Streifen zieht blasser Rauch. Das Ereignis selbst nennt nur die Inschrift rechts oben, „Tegetthoff bei Lissa rennt die Corazzata Re d’Italia ein“, und Romako wählte die Sekunden vor dem Stoß.

Romako war 1876 nach Wien zurückgekehrt, nachdem er fast zwei Jahrzehnte in Rom verbracht und dort Porträts für Ausländer gemalt hatte, und wollte als Historienmaler Erfolg haben. 1882 wurde eine der Fassungen des Bildes im Künstlerhaus gezeigt, und das Publikum verspottete sie, weil ihm Tegetthoff darauf unheldenhaft erschien. Das Belvedere besitzt zwei Fassungen, eine große und eine verkleinerte, und nicht immer sind sie in den Sälen zu sehen. Die große kaufte das Museum 1955 von Gustav Kauders, der damals in New York lebte. Anerkennung fand das Bild erst nach Romakos Tod 1889, und der Maler Oskar Kokoschka nannte ihn eines seiner wichtigsten Vorbilder.

9. Die bösen Mütter — Giovanni Segantini

Die bösen Mütter
Die bösen MütterGiovanni Segantini, 1894, Belvedere

Die Künstler der Wiener Secession schenkten 1901 dem Staat ein Bild von Giovanni Segantini, das sie gemeinsam mit privaten Kunstfreunden gekauft hatten. Klimt und seine Mitstreiter hatten die Secession 1897 gegründet, als sie aus dem konservativen Künstlerhaus austraten, und seitdem setzten sie sich dafür ein, dass Wien eine staatliche Galerie für moderne Kunst bekam. Als sie im Mai 1903 eröffnet wurde, hingen die Bösen Mütter in der ersten Aufstellung. Segantini selbst, den die Secessionisten als ihren Vorläufer betrachteten, war 1899 in den Alpen gestorben.

Das Bild zeigt ein verschneites Tal unter Bergen und einen einzelnen kahlen, verkrümmten Baum. In seiner Astgabel hat sich eine Frau verfangen: Der Kopf ist zurückgeworfen, die Augen sind geschlossen, das rötliche Haar ist über die Zweige gebreitet, und um den Unterleib windet sich ein dunkles, zerrissenes Tuch, das in die Rinde übergeht. An ihrer Brust liegt der kleine Kopf eines Säuglings, der aus einem Ast wächst und an der Brust trinkt, und aus der Entfernung übersieht man diesen Kopf leicht. Die ganze Leinwand, den Schnee wie den Himmel, hat Segantini mit feinen, getrennt gesetzten Pinselstrichen bedeckt, die an Fäden erinnern.

Das Motiv nahm Segantini aus dem Gedicht Nirvana, das sein Freund Luigi Illica, der spätere Librettist Puccinis, als Übersetzung eines alten indischen Textes ausgab. Mütter, die sich der Mutterschaft verweigert haben, treibt es dort zur Strafe durch ein eisiges Tal, bis sie sich mit ihren Kindern versöhnen. Segantinis Mutter starb, als er etwa sieben Jahre alt war. 1911 baute der Berliner Freud-Schüler Karl Abraham darauf einen psychoanalytischen Versuch über den Maler auf, der in Wien erschien.

Die bösen Mütter
Die bösen MütterGiovanni Segantini, 1894, Belvedere

10. Ebene bei Auvers — Vincent van Gogh

Am 2. Juli 1890 schrieb Vincent van Gogh aus Auvers-sur-Oise an seinen Bruder Theo und dessen Frau über eine in die Länge gezogene Landschaft mit Feldern: ein Motiv, wie es der französische Landschaftsmaler Georges Michel gewählt hätte, nur in zartem Grün, Gelb und Blaugrün. Die Leinwand ist doppelt so breit wie hoch, der Horizont ist bis ganz nach oben gerückt, und der Himmel bleibt ein schmaler, gleichmäßiger türkisfarbener Streifen. Darunter liegen die Felder wie Flicken in Blassgelb, Hellgrün und Blaugrün, jedes dunkel umrandet, links steht ein großer Heuschober, und unten im Gras sind rote und orange Tupfen von Mohnblumen verstreut, die einzige warme Stelle im Bild. Weniger als vier Wochen nach dem Brief schoss van Gogh auf sich selbst und starb zwei Tage darauf.

Ebene bei Auvers
Ebene bei AuversVincent van Gogh, 1890, Belvedere

Anfang 1903 veranstaltete die Wiener Secession eine Ausstellung über die Entwicklung des Impressionismus, und in ihrem letzten Teil hingen neben Gauguin, Toulouse-Lautrec und Bonnard fünf Bilder van Goghs. Die Ebene bei Auvers kaufte die Secession auf dieser Ausstellung für die neue staatliche Galerie und übergab sie ihr offiziell 1909. Sie gehört zu den frühesten Werken van Goghs, die in ein Museum kamen. Wien kaufte wenig von ihm, und bis 1914 gab es in Wiener Sammlungen 13 seiner Bilder, in Deutschland dagegen 156.

11. Der Koch (Le Père Paul) — Claude Monet

Der Koch (Le Père Paul)
Der Koch (Le Père Paul)Claude Monet, 1882, Belvedere

Paul Graff, ein Elsässer, führte mit seiner Frau Eugénie in Pourville bei Dieppe ein Gasthaus mit Restaurant, und im Februar 1882 zog dort Claude Monet ein, der gekommen war, um die Felsen und das Meer der Normandie zu malen. Bei schlechtem Wetter arbeitete Monet im Haus und malte zwei Galettes, für die Graffs Küche berühmt war, die schüchterne Eugénie und den Wirt selbst, den „alten struppigen Koch unter seiner weißen Mütze“, wie ihn Daniel Wildenstein nannte, der Verfasser des Werkverzeichnisses von Monet.

Die Kochmütze, hoch und weich, kippt nach links, und Monet malte sie mit raschen weißen Schlingen, mit Lila, Hellblau und Rosa in den Falten, so dünn, dass durch die Farbe das Gewebe der Leinwand hervortritt. Am dichtesten gemalt ist der Bart, eine wirre Masse aus blauschwarzen, flaschengrünen und olivfarbenen Strichen. Er bedeckt Kinn und Mund, und das Lächeln lässt sich nur an den Wangen erahnen. Der mintgrüne Hintergrund ist mit breiten Strichen kreisförmig um die Silhouette gelegt, und unterhalb der Brust ist die weiße Jacke nur noch angedeutet.

Im März 1883 zeigte Monet das Bildnis in seiner Einzelausstellung bei dem Pariser Kunsthändler Paul Durand-Ruel, und im Katalog stand der Name des Wirts falsch, als Graft. 1903 wurde das Bild auf der Impressionisten-Ausstellung der Wiener Secession gekauft, derselben, auf der die Secession die Ebene bei Auvers erwarb, und im Mai hing es in der ersten Aufstellung der Modernen Galerie. Wer es bezahlte, das Ministerium oder die Secession, ist in den Unterlagen des Museums nicht vermerkt. Von den beiden anderen Monets im Belvedere kam einer, Eine Allee in Monets Garten in Giverny, auf ganz anderem Weg und erst 1942 ins Museum.

12. Judith — Gustav Klimt

Judith mit dem Haupt des Holofernes
Judith mit dem Haupt des HolofernesGustav Klimt, 1901, Belvedere

Den Rahmen für die Judith fertigte Gustav Klimts jüngerer Bruder Georg, ein Ziseleur und Graveur, und auf seiner oberen Leiste stehen in großen getriebenen Buchstaben „IVDITH“ und darunter „HOLOFERNES“, seitlich ein kleines „UND“. Entwürfe für den Rahmen tauchen schon 1898 in Klimts rotem Skizzenbuch auf, und fertig war er, bevor das Bild im März 1901 auf der zehnten Ausstellung der Wiener Secession zum ersten Mal gezeigt wurde. Der Titel stand also auf dem Rahmen, bevor irgendjemand das Bild gesehen hatte, und trotzdem nannte man sie in Wien, München und Berlin Salome. „Sie ist viel mehr Salome als Judith“, schrieb die Wiener Zeitung am 1. April 1901, und im Katalog einer Berliner Ausstellung von 1905 wurde das Bild dann auch als „Salome“ geführt.

Klimt war die führende Gestalt der Secession und stritt bereits im zweiten Jahr mit der Universität um die Bilder für die Decke ihres Festsaals: Die Professoren protestierten gegen die Philosophie, und die Medizin wurde auf derselben Ausstellung gezeigt wie die Judith.

Judith hat den Kopf in den Nacken gelegt und blickt den Betrachter unter schweren Lidern an, die Lippen sind leicht geöffnet. Ihren Hals umschließt ein breites goldenes Halsband, und die blauen und roten Steine darin sind so pastos gemalt, dass sie über die Oberfläche der Leinwand hervortreten. Hinter ihrem Kopf ist Gold, in dem Bäume, Berge und Weinranken erscheinen, nach Ansicht des Museums übernommen von einem Relief aus dem Palast des assyrischen Königs Sanherib in Ninive. Der Kopf des Holofernes ist nur in der rechten unteren Ecke zu sehen. Judiths Hand mit gespreizten Fingern liegt in seinem dunklen Haar, vom Gesicht sind ein geschlossenes Auge und ein Stück Wange geblieben, und den Rest schneidet der Rahmen ab.

1901 kaufte der Wiener Arzt Anton Loew das Bild. Nach seinem Tod 1907 blieb es bei der Witwe, 1920 wurde es in Genf für 3750 Franken versteigert, und bis 1954 gehörte es Berthe Hodler, der Witwe des Schweizer Malers Ferdinand Hodler. 1954 kaufte die Österreichische Galerie die Judith von Berthe Hodler für 3000 Schweizer Franken.

Judith mit dem Haupt des Holofernes
Judith mit dem Haupt des HolofernesGustav Klimt, 1901, Belvedere

13. Der Kuss — Gustav Klimt

Der Kuss
Der KussGustav Klimt, 1907, Belvedere

Das Ministerium für Kultus und Unterricht kaufte am 10. Juli 1908 von Gustav Klimt ein Bild, das damals Liebespaar hieß, direkt von der Kunstschau. Diese Ausstellung hatten Klimt und sein Kreis veranstaltet, nachdem sie 1905 aus der Secession ausgetreten waren. Das Ministerium zahlte 25.000 Kronen, mehr, als die Moderne Galerie je einem lebenden Künstler bezahlt hatte, und kaufte das Bild unvollendet. In einem internen Vermerk des Ministeriums ist festgehalten, dass die linke untere Ecke noch nicht fertig sei, und am 16. Juli antwortete Klimt vom Attersee, er werde das Liebespaar gleich nach Schluss der Ausstellung vollenden. Er holte die Leinwand ins Atelier zurück und lieferte sie erst am 22. Juli 1909 an die Galerie. Den Titel Der Kuss bekam das Bild im Herbst desselben Jahres, im Nachtrag zum Katalog der Modernen Galerie.

Die Wiese aus kleinen violetten, blauen, gelben und weißen Blumen nimmt unten nur den linken Teil ein und bricht mit scharfer Kante ab, hinter der der Hintergrund beginnt. Die bloßen Füße der Frau stehen genau an dieser Kante, die Zehen nach unten gekrümmt. Den Hintergrund um das Paar überzog Klimt mit einer dunklen oliv-bronzefarbenen Lasur und streute Metallkörnchen in die nasse Farbe.

Die Überarbeitung nach dem Kauf erkennt man, wenn man das Bild mit den Aufnahmen der Ausstellung vergleicht, die der Fotograf Moriz Nähr gemacht hat. Auf ihnen stehen die Blumen im linken Teil der Wiese in einzelnen Büscheln, jetzt sind sie zu einem durchgehenden Teppich verschmolzen. Das Röntgenbild zeigte, dass Klimt damals auch das Muster am Saum des Männermantels vereinheitlichte und die Unterschenkel der Frau um einige Zentimeter verlängerte.

14. Selbstbildnis, lachend — Richard Gerstl

Selbstbildnis, lachend
Selbstbildnis, lachendRichard Gerstl, 1908, Belvedere

Am 4. November 1908 verbrannte der 25-jährige Richard Gerstl in seinem Atelier Briefe und Papiere und nahm sich vor dem Spiegel das Leben. Er stand dem Komponisten Arnold Schönberg nahe, malte gemeinsam mit ihm und gab ihm Malunterricht, und 1908 hatte er eine Affäre mit Schönbergs Frau Mathilde, die schließlich zu ihrem Mann zurückkehrte. Zu Lebzeiten stellte Gerstl kein einziges Mal aus und hielt sich von den Wiener Künstlervereinigungen fern.

Nach seinem Tod bewahrte die Familie die Bilder auf, und 1930 oder 1931 zeigte sie sein Bruder Alois dem Wiener Kunsthändler Otto Kallir. Im September 1931 eröffnete Kallir in seiner Neuen Galerie die Ausstellung „Richard Gerstl. Ein Malerschicksal“, und bis dahin hatte 23 Jahre lang niemand außer den Angehörigen Gerstls Werke gesehen. Ab 1938 zählten die Nationalsozialisten ihn zu den „entarteten“ Künstlern, und bis 1945 durfte er nicht gezeigt werden. 1946 kaufte die Österreichische Galerie das Selbstbildnis von der Neuen Galerie.

Auf dem Selbstbildnis lacht Gerstl mit weit geöffnetem Mund, sodass alle oberen Zähne zu sehen sind, doch seine Augen sind zusammengekniffen und gläsern, und im Belvedere nennt man dieses Lachen eher bedrohlich als fröhlich. Der Hintergrund ist dicht mit kurzen braunen, olivfarbenen und ockerfarbenen Strichen bedeckt und rückt bis an den Kopf heran. Das Gesicht ist in heißem Orange, Rot und Rosa gemalt, um den Mund und in den Bartstoppeln liegen grünlich gelbe Striche, und der Hals steht als langer gelbgrüner Pfeiler da.

Das Belvedere datiert das Bildnis auf 1908, das letzte Lebensjahr Gerstls, die Verfasser seines Werkverzeichnisses dagegen setzen es in den Sommer 1907, den er in Gmunden am Traunsee in der Nähe der Familie Schönberg verbrachte.

15. Tod und Mädchen — Egon Schiele

Tod und Mädchen
Tod und MädchenEgon Schiele, 1915, Belvedere

Wally Neuzil war seit 1911 Egon Schieles Modell und Freundin. Ende 1914 begann er, um Edith Harms zu werben, die im Haus gegenüber seinem Atelier wohnte, am 17. Juni 1915 heiratete er sie, und wenige Tage später wurde er zum Militär eingezogen. Im selben Jahr 1915 malte er dieses Bild. Im Belvedere nimmt man an, dass es Wally und Schiele selbst darstellt, obwohl der Künstler die Leinwand „Mann und Mädchen“ und „Verschlungene Menschen“ nannte und der Titel Tod und Mädchen erst später aufkam.

Die beiden knien auf einem riesigen zerknitterten weißen Laken, das über braunen, steinigen Boden geworfen ist. Der Mann in dunkelbrauner Kutte blickt mit runden, weit aufgerissenen Augen am Betrachter und an der Frau vorbei und legt ihr eine Hand mit langen, knochigen Fingern auf den Hinterkopf. Sie hat ihn mit dünnen Armen umschlungen, und ihre beiden Hände liegen mit gespreizten Fingern flach auf seiner Brust. Den Saum ihres kurzen Kleides zeichnete Schiele als spitze Säge aus rosa, roten und blassgrünen Strichen.

Das Bild kaufte noch zu Schieles Lebzeiten die Münchner Secession, und im Frühjahr 1918 hing es in der großen Schiele-Ausstellung der Wiener Secession, wo der Kritiker Hermann Menkes es „dieses wundervolle Gedicht von Phantasie, Zeichnung und Komposition“ nannte. Das Museum kaufte es 1930 von den Münchnern, 12 Jahre nach dem Tod des Künstlers. Wally Neuzil ließ sich zur Krankenschwester ausbilden und starb im Dezember 1917 an Scharlach in Sinj, einem Städtchen in Dalmatien, wohin man sie zum Kriegsdienst geschickt hatte.

Tod und Mädchen
Tod und MädchenEgon Schiele, 1915, Belvedere

16. Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele — Egon Schiele

Bildnis der Frau des Künstlers, Edith Schiele
Bildnis der Frau des Künstlers, Edith SchieleEgon Schiele, 1918, Belvedere

Franz Martin Haberditzl, seit 1915 Direktor der staatlichen Galerie, kaufte dieses Bildnis 1918 bei dem Wiener Kunsthändler Gustav Nebehay, kurz nach der großen Frühjahrsausstellung Schieles in der Secession. Es war das erste Bild Schieles, das ein österreichisches Museum erwarb, und es wurde zu Lebzeiten des Künstlers gekauft. Danach übermalte Schiele auf dem Bildnis das Kleid. Im Eintrag des Belvedere heißt es, dem Direktor sei der bunte karierte Rock zu grell und zu kunstgewerblich erschienen, und auf seine Bitte sei der Rock in gedämpften Tönen übermalt worden. Im Wiener Leopold Museum, das die meisten Werke Schieles besitzt und eine Fotografie der ersten Fassung aufbewahrt, schreibt man vorsichtiger, der Grund für die Änderung sei nicht endgültig geklärt.

Auf der alten Fotografie sitzt Edith in derselben Haltung, in einem Rock aus großen Karos, in einem gut erkennbaren Holzsessel, vor hellem Grund, unter dem der Fußboden zu sehen ist. Auf dem Gemälde ist der Rock weißlich grau mit braunen und grünen Adern geworden, am Hals ist eine schwarze Schleife mit langen Bändern und einer kleinen rotorangen Quaste hinzugekommen, unter dem Saum schauen braune Schuhe hervor, und Sessel und Zimmer sind im dunklen Hintergrund verschwunden. 2018 fertigten die Restauratoren des Belvedere anhand von Röntgen- und Infrarotaufnahmen eine digitale Rekonstruktion der ersten Fassung an.

Das Belvedere zeigt seine Bilder von Schiele im Wechsel, und dieses Bildnis hängt nicht immer in den Sälen. Die Fotografie des ersten Zustands kaufte das Leopold Museum 2023.

17. Kauerndes Menschenpaar (Die Familie) — Egon Schiele

Die Familie
Die FamilieEgon Schiele, 1918, Belvedere

Auf der fast quadratischen Leinwand sind drei Figuren vor dunkelbraunem Grund zu einer Pyramide gefügt. Oben kauert ein nackter Mann mit Schieles eigenem Gesicht, die Knie weit gespreizt, sodass seine Beine die Frau einrahmen, und er blickt den Betrachter direkt an. Die Frau sitzt tiefer, sie ist blasser und weicher, die Augen sind gesenkt und zur Seite gewandt, und zwischen ihren Füßen blickt ein Kind in einer dunkelgrünen Decke seitwärts, an beiden Erwachsenen vorbei. Keiner der drei sieht einen der anderen an.

Die Infrarotuntersuchung von 2018 zeigte, dass der Mann das Kinn zuerst auf die rechte Hand stützte. Schiele senkte diese Hand, und jetzt ist sie vor der Brust erhoben, die Handfläche ihm selbst zugewandt, die Finger gespreizt.

Schiele selbst nannte das Bild Kauerndes Menschenpaar, und den Titel Die Familie gab ihm nach seinem Tod Berta Zuckerkandl, eine Wiener Journalistin und Gastgeberin eines literarischen Salons. Seit 1918 gehörte das Bild dem Maler Hans Böhler aus einer Familie von Stahlindustriellen, und das Museum kaufte es 1948 in New York von ihm.

Edith Schiele war seit dem Frühjahr 1918 schwanger. Sie starb am 28. Oktober im sechsten Monat an der Spanischen Grippe, Schiele starb drei Tage später, und das Bild blieb unvollendet. Die linke Hand des Mannes, die vom Knie herabhängt, ist kaum angedeutet, und die unteren Ecken der Leinwand sind nur skizziert.

18. Die Braut — Gustav Klimt

Gustav Klimt starb am 6. Februar 1918 nach einem Schlaganfall im Januar, und auf den Staffeleien in seinem Atelier in Hietzing blieben mehrere begonnene Bilder zurück. Darunter war eine große Allegorie, die man erst nach seinem Tod Die Braut nannte.

Die linke Hälfte der Leinwand ist fertig gemalt. Dort drängen sich nackte Frauengestalten in rotorangen Stoffen mit buntem Muster, viele haben die Augen geschlossen, ganz am Rand schläft ein Säugling, und oben ist ein Mann in Orange, der Einzige, der die Augen offen hat. Zu ihm neigt die Braut mit zwei langen dunklen Zöpfen den Kopf, und statt eines Körpers hat sie die dunkelblaue Säule eines begonnenen Kleides. Die rechte Hälfte blieb fast nackte Leinwand. Dort steht eine große nackte Gestalt mit gespreizten Beinen, der Kopf ist nur mit Kohle umrissen, und über die Hüften hat Klimt schon einen Rock aus flachen gelben, grünen, roten und blauen Dreiecken, Spiralen und Schlingen gelegt, durch die man den darunter gemalten Körper sieht. Klimt malte eine Figur zuerst ganz nackt und kleidete sie erst dann in Ornament, und hier brach die Arbeit auf halbem Weg ab.

Das Bild gehört der privaten Klimt-Foundation in Wien und ist seit 2014 als Leihgabe im Belvedere. Nach dem Tod des Künstlers ging es an seine Lebensgefährtin und Erbin Emilie Flöge, dann gelangte es zu seinem unehelichen Sohn, dem Filmregisseur Gustav Ucicky (auf welchem Weg, teilt die Stiftung nicht mit), und 2013 übergab Ucickys Witwe Ursula es der Stiftung, die sie eben gegründet hatte.

Die Braut
Die BrautGustav Klimt, 1917, Belvedere

In Klimts letztem Skizzenbuch gibt es mehr als 40 Skizzen zu diesem Bild, und auf mehreren probiert er verschiedene Neigungen des Kopfes der rechten Figur aus.

19. Eine Allee in Monets Garten in Giverny — Claude Monet

Eine Allee in Monets Garten in Giverny
Eine Allee in Monets Garten in GivernyClaude Monet, 1902, Belvedere

Der Berliner Bankier Robert von Mendelssohn kaufte dieses Bild 1904 bei dem Pariser Kunsthändler Durand-Ruel, und nach seinem Tod 1917 ging es an seine Witwe über, die italienische Pianistin Giulietta von Mendelssohn. 1941 verkaufte Giulietta, die in Italien lebte, ihre Villa im Berliner Grunewald an das Reich, und Treuhänder brachten die Bilder der Sammlung nach Wien. 1942 kaufte die Reichsstatthalterei, die nationalsozialistische Verwaltung in Wien, über den Wiener Kunsthändler Otto Schatzker 32 Werke und verteilte sie auf die Museen. Ein Selbstbildnis Rembrandts erhielt das Kunsthistorische Museum, und an die Österreichische Galerie gingen fünf Bilder von Corot, Degas, Manet und Monet, darunter dieses. Im Januar 1943 zeigte die Galerie es in einer Ausstellung der Erwerbungen des Jahres 1942.

Monet malte die Allee 1902 in seinem eigenen Garten in Giverny, wo er seit 1883 lebte. Ein Sandweg führt vom unteren Rand genau in der Mitte der Leinwand geradewegs auf das Haus zu, von dem nur ein rosaroter Streifen der Fassade und eine dunkle Tür zu sehen sind, halb vom Grün verdeckt. Auf dem blassen Sand liegen blaue und violette Schattenflecken, zu beiden Seiten ragen Beete mit Astern, Kapuzinerkresse und Dahlien hoch auf, und oben schließen sich die Kronen fast zu einem Tunnel. Die Signatur „Claude Monet 02“ setzte Monet mit roter Farbe rechts unten zwischen die roten Blumen.

2019 wurde die Herkunft der Bilder aus der Sammlung Mendelssohn erneut untersucht, und im Mai 2023 empfahl der österreichische Kunstrückgabebeirat, die Allee nicht zurückzugeben, da der Verkauf nicht Folge politischer Verfolgung oder einer Notlage der Verkäuferin gewesen sei.

20. Bildnis Amalie Zuckerkandl — Gustav Klimt

Bildnis Amalie Zuckerkandl
Bildnis Amalie ZuckerkandlGustav Klimt, 1917, Belvedere

Amalie Zuckerkandl, Tochter des Wiener Schriftstellers Sigmund Schlesinger, war mit dem Chirurgen Otto Zuckerkandl verheiratet, und 1913 oder 1914 bestellte ihr Mann bei Klimt ihr Bildnis. Der Krieg unterbrach die Arbeit, 1917 nahm Klimt sie wieder auf, und als er im Februar 1918 starb, blieb das Bildnis unvollendet.

Fertig sind nur Kopf, Hals und die nackten Schultern: ein blasses Gesicht mit rosigen Wangen, ein kleiner roter Mund, hoch aufgestecktes dunkles Haar, ein schwarzes Band mit weißer Spitze am Hals. Der Hintergrund hinter Amalie ist in Minttürkis gemalt, und alles unterhalb der Schultern blieb nackte Grundierung mit einer Bleistiftzeichnung der Falten des Schals, einer Hand und eines Blumenmusters. Hier und da liegen auf dieser Zeichnung einzelne Flecken von Rosa und Hellblau, als hätte Klimt begonnen, Farben auszuprobieren. Die Infrarotaufnahme zeigte, dass der Mund zuerst geschlossen gezeichnet und dann leicht geöffnet gemalt wurde.

1919 ließen sich die Zuckerkandls scheiden, das Bildnis blieb bei Amalie, und in den 1920er-Jahren verkaufte sie es, weil sie Geld brauchte, an den Zuckerindustriellen Ferdinand Bloch-Bauer, den Mann der Adele vom goldenen Bildnis. Als Bloch-Bauer in die Schweiz ging, gab er das Bild ohne Bezahlung an die Familie zurück, an Amalies Tochter Hermine Müller-Hofmann. 1942 verkaufte Hermine das Bildnis für 1600 Reichsmark an Vita Künstler, die seit 1938 anstelle des emigrierten Otto Kallir die Neue Galerie führte, desselben Kallir, der 1931 als Erster Gerstls Bilder gezeigt hatte. Im selben Jahr 1942 wurde Amalie deportiert und ermordet. 1988 kam das Bildnis als Widmung von Vita Maria und Gustav Künstler in die Österreichische Galerie.

Später erhoben zwei Erbengruppen Anspruch auf das Bildnis, die Erben Ferdinand Bloch-Bauers und die Erben Hermines. Über ihren Streit entschied dasselbe dreiköpfige Schiedsgericht, das im Januar 2006 die Rückgabe des Bildnisses der Adele an die Bloch-Bauers beschlossen hatte. Zu Amalie fällte es im Mai 2006 einen eigenen Schiedsspruch, nach dem keine der beiden Gruppen ein Recht auf das Bild hatte, und das Bildnis blieb in Wien. Am 1. April 2008 ließ der Oberste Gerichtshof Österreichs diesen Schiedsspruch bestehen.

Die Moderne Galerie wurde 1903 zu einem großen Teil dank der Künstler der Secession eröffnet. Nach dem „Anschluss“ kaufte der neue Direktor Werke aus beschlagnahmten jüdischen Sammlungen. Seit 1998 prüft das Belvedere die Herkunft dieser Erwerbungen. 2006 gab das Museum den Erben Bloch-Bauer fünf Bilder Klimts zurück, und 2008 entschied der Oberste Gerichtshof, dass das Bildnis Amalie Zuckerkandls in der staatlichen Sammlung bleibt.

Bildnis Amalie Zuckerkandl
Bildnis Amalie ZuckerkandlGustav Klimt, 1917, Belvedere

Was man außerdem sehen sollte

Von Klimt besitzt das Belvedere nach eigener Zählung 24 Ölgemälde, mehr als irgendwo sonst auf der Welt, und bei einem zweiten Besuch beginnt man am besten mit seinen Bildnissen von Sonja Knips und Fritza Riedler und den Landschaften vom Attersee. Sehenswert sind außerdem die Bilder Oskar Kokoschkas, das Wiener Biedermeier, vor allem Friedrich von Amerlings Bildnis des Rudolf von Arthaber mit seinen Kindern, und zwei Bilder von Caspar David Friedrich. Ein weiteres Werk Klimts aus der Sammlung des Belvedere, der Beethovenfries, befindet sich im Gebäude der Secession.

Sonja Knips
Sonja KnipsGustav Klimt, 1898, Belvedere
Fritza Riedler
Fritza RiedlerGustav Klimt, 1906, Belvedere
Schloss Kammer am Attersee III
Schloss Kammer am Attersee IIIGustav Klimt, 1910, Belvedere
Bauernhaus am Attersee
Bauernhaus am AtterseeGustav Klimt, 1914, Belvedere
Rudolf von Arthaber und seine Kinder Rudolf, Emilie und Gustav
Rudolf von Arthaber und seine Kinder Rudolf, Emilie und GustavFriedrich von Amerling, 1837, Belvedere